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OlympiABC (vom 25. Juli)

IOC: »In den Wäldern der großen Welt des Sports steht ein Baum, der Baum IOC. Er ist höher als alle anderen Bäume. Deshalb bedrängen ihn stürmische Winde aus allen Himmelsrichtungen. Aber dieser Baum hat sehr starke Wurzeln. Er wird den Stürmen nicht nur standhalten. Er wird weiter wachsen.« Nicht ganz dicht oder Dichter? Weder noch. Die Verse stammen von Freizeit-Poet und Ex-IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch (aus einer Rede von 1992).
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Johnson, Ben: Gilt tumbster Olympia-Tor aller Zeiten. Behauptet später, in Seoul 1988 seien im olympischen 100-m-Endlauf alle gedopt gewesen, nicht nur er, was in der Medienwelt als rachsüchtige Verleumdung kommentiert wurde. Doch ist es rachsüchtige Verleumdung zu sagen, der Tag hat 24 Stunden, und wenn’s regnet, wird man nass? – Treppenwitz der Olympiageschichte: Carl Lewis, dem das aberkannte Johnson-Gold zuerkannt wurde, hätte gar nicht erst teilnehmen dürfen, weil er zuvor bei den US-Trials dreimal (!) positiv getestet worden war, was so viele Jahre lang vertuscht blieb, bis es niemanden mehr so richtig interessierte.
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Kanureiten: Alter »Anstoß«-Stoßseufzer: Es müsste Kanureiten geben! Mit vielen Disziplinen und noch mehr Gewichtsklassen, und schon wären wir im Medaillenspiegelfechten einsame Spitze.
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Luft: L.-im-Darm-Affäre 1976: Vor Olympia wird dem Bundesausschusss Leistungssport (BA-L) eine Methode angeboten, mit der man Schwimmern eine bessere Wasserlage verschaffen will. Und zwar … indem man ihnen Luft in den Darm pumpt. Kein anrüchiger Scherz, sondern Sportgeschichte. Nie wird ganz geklärt, warum man die Methode nicht (wirklich nicht?) anwendet. Die einen sagen, man sei sich nicht über den Preis für das Aufpump-Patent einig geworden, die anderen, geeignete Räumlichkeiten, sprich Pump-Stationen, hätten in den Schwimmstadien gefehlt. Oder lag’s nur am logistischen Detonations-Problem der totalen Luftentweichung beim Startsprung?
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Medaillenspiegel: Wichtigste olympische Sportart, obwohl kein offizieller Wettkampf. Der M. wird nicht nur von seinen grundsätzlichen Gegnern heftig kritisiert, sondern, je nach eigener Medaillenlage, auch von seinen Befürwortern. Nur wer viel Gold holt, ist mit dem Status quo zufrieden. Andere rechnen sich die Wertung schön, indem sie die reine Medaillenzahl über die Platzierung entscheiden lassen, andere wollen auch medaillenlose Endkampfplätze einbeziehen, eine sehr sportgerechte Variante. Nach Einwohnerzahl war 2008 Jamaika die absolute Nummer eins. Nach Wirtschaftskraft pro Goldmedaille führte Simbabwe in Peking klar, trieb also umgerechnet den geringsten Aufwand für seine Medaillen. Da halten wir doch lieber an unserer gewohnten Version fest – denn sonst sähe der Medaillenspiegel aus deutscher Sicht doch zu jamaikanisch oder simbabwisch aus.
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Neckermann, Josef: Als er 1972 bei den Olympischen Sommerspielen in München auf Venetia eine Silber- und eine Bronzemedaille im Dressurreiten gewann, war sein erster Satz, den er den Journalisten gegenüber sagte: »Neckermann macht’s möglich.« Der Versandunternehmer, Dressur-Olympiasieger und Erfinder der Deutschen Sporthilfe trat bereits 1933 der Reiterstaffel der SA bei. 1938 entstand durch die per »Arisierung« erzwungene Übernahme des Unternehmens von Karl Amson Joel (Großvater des US-Sängers und Komponisten Billy Joel) die Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann. Seit Juli 2012 ist Neckermann nicht mehr möglich.
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Olympiade: Lieblingskind altphilologischer Oberlehrer, denn Olympische Spiele sind keine Olympiade, sondern eine Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Doch die lebendige Sprache setzt sich am Ende immer durch. So wurde aus dem Zungen-Holperer Wepse im Lauf der Jahrhunderte die Wespe, aus dem Molt (=Erd)warp ebenso fälschlich der Maulwurf, und so wird aus dem unbequemen Doppelwort Olympische Spiele die zungengriffigere Olympiade.
(wird fortgesetzt) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle