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Montagsthemen vom 23. Juli

Verkehrte Welt des Sports. In der Formel 1 fährt ein Spanier vorneweg (Alonso/Hockenheim), ein Deutscher geht pleite (Beck/Nürburgring), und bei der Tour de France gewinnt ein Engländer, der früher mehr »Sprit« gesoffen hat als gestern alle Formel-1-Renner zusammen.
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Wiggins war allerdings nur zweitbester englischer Tourfahrer, sein Helfer Froome musste für ihn die Ullrich-Rolle von 1996 für Riis spielen. Beide sind nicht einmal »richtige« Engländer. Der in Nairobi geborene Froome besitzt erst seit 2008 einen englischen Pass, Wiggins wurde in Belgien geboren, kam aber schon als Zweijähriger heim auf die Insel, ist also als Toursieger der etwas richtigere Engländer.
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Haben beide ihre Hymne mitgesungen? Falls nicht, können sie froh sein, dass auch »MV« kein richtiger Engländer, sondern ein echter Deutscher ist: Wer die Hymne nicht mitsingt, fliegt aus dem Team!
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Wenn sonst schon nichts mehr bei uns beschnitten werden darf, beschneiden wir uns wenigstens das Rederecht in Sachen Mayer-Vorfelder/Hymne. Das ist nicht mal ein Sommerloch-Thema, sondern hallt nur dumpf …ochochoch.
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Als Harald Schmidt noch Harald Schmidt war und Christoph Daum einen schmerzgrellblauen Anzug trug, zeigte Hochform-Schmidt auf ein Foto mit Daum und »MV« und wies darauf hin, dass »der Mann im blauen Anzug Daum ist und der Blaue im Anzug Mayer-Vorfelder«.
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Unser letztes Wort zur Tour de France ist dasjenige des ehemaligen Fuentes-Klienten Valverde, der als Sieger der letzten Pyrenäenetappe von der Medien-Meute aufgefordert wurde, etwas zum Thema Doping zu sagen und also sagte. »Ich bin gegen Doping, was soll ich sonst sagen?«
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Geht’s auch etwas ernsthafter? Bitteschön: Dass sich das IOC mit Händen und Füßen und windelweich sich windenden Worten gegen eine Schweigeminute bei der olympischen Eröffnungsfeier für die Opfer von München 1972 wehrt, ist ein Armutszeugnis und elende Feigheit vor dem muslimischen Freund. Oh Gott, Allah hilf, die könnten ja boykottieren! Und schlimme Dinge tun! Warum eigentlich? Gegen eine Schweigeminute kann doch niemand etwas haben – es sei denn, er solidarisiert sich nicht mit den unschuldigen Opfern, sondern mit deren fanatischen Mördern.
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Aber nun zum richtigen Sport: Klippenspringen. Dabei hüpft man von einer dreißig Meter hohen Klippe ins Meer, schon gibt es einen von Red Bull gesponsorten Weltcup, und nächstes Jahr gehört das Klippenspringen sogar zum offiziellen Programm der Schwimm-WM in Barcelona. Da liegen olympische Weihen nicht fern. Hohe Einschaltquoten sind garantiert, zumal der gebotene Nervenkitzel vom Feinsten ist: Wer gewinnt? Wer verliert? Sein Leben?
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Aber Humor haben sie, die Klippenspringer. Wenn wir in Mittelhessen vom Einer unfreiwillig auf dem Bauch landen, dann ist das ein Bauchplatscher. Wenn aber ein Klippenspringer ähnlich landet, heißt das »Pancake«. Eierkuchen. Im Klippenspringer-»Pancake« werden aber nicht nur die Eier aufgeschlagen, da geht noch mehr zu Brei.
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Ariane Friedrich springt nicht von haushohen Klippen, sondern muss über sie springen. Das soll kein mühsam amüsanter Übergang sein, sondern ist ein ernster Fall von leistungsschädlicher Verunsicherung. Die ihr von Ulrike Meyfarth und dem Ex-Mann von Heike Henkel in den Weg gestellten Klippen wurden an dieser Stelle schon thematisiert, auch, dass die Frankfurter Hochspringerin vom Naturell her »außer sich« sein müsse, um außergewöhnliche Höhen zu springen. Sie muss denken können, darf beim Springen aber nicht denken müssen – an den im Dezember 2010 schwer verletzten Sprungfuß, an die Meyfarth/Henkel-Attacken oder an die Stalker-Affäre. Jetzt hat sie auch diese wieder als Handicap im Hinterkopf, denn »rechtzeitig« vor Olympia wurde bekannt, dass das Amtsgericht Biedenkopf Anklage gegen den Mann erhebt, der Friedrich sein nacktes Gemächt per ekligem Foto und  ebensolchem Angebot gemailt hatte. Trainer Günter Eisinger wusste von der Anklageerhebung, hatte aber gehofft, dass sie erst nach Olympia bekannt würde. Klar, dass wir unser Mitwissen für uns behielten. Andere nicht. Am Wochenende übersprang Ariane Friedrich 1,84 Meter. Ich bin nicht ihr PR-Mann, kenne sie gar nicht persönlich, und sportliche Ausreden sind mir ein Gräuel. Aber so ist die Lage.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle