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Sport-Stammtisch (vom 21. Juli)

Der echte, der wahre Sportskandal der Woche ist einer der Medien und in Zahlen zu fassen: 319:19 und 246:20. So hoch verlor der Sport gegen Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine.
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319 bzw. 246 Zeilen schrieben die beiden führenden deutschen Tageszeitungen am Donnerstag über den Fall Schleck (bei dem sie schon am Mittwoch hyperventiliert hatten), nur 19 und 20 Zeilen zur Königsetappe der Tour de France, wobei Jens Voigt, der einen großartigen sechsten Platz belegt hatte, weder bei SZ noch FAZ überhaupt erwähnt wurde.
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Ein Armutszeugnis, das wieder einmal beweist, dass das Wort »Doping« Pawlowsche Reflexe erzeugen kann. Gegen diese hat sportliche Logik zwar keine Chance, aber versuchen wir’s mal: Wenn ein sportliches Ereignis lieblos und Wesentliches unterschlagend in wenigen Zeilen einspaltig abserviert wird, muss es doch offenbar einen solch geringen Wert haben, dass auch ein positiver Dopingbefund allenfalls in einer Randnotiz auftauchen sollte. Das groteske Missverhältnis sagt viel weniger aus über Sport und Doping als über FAZ und SZ.
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So, genug geärgert. Immerhin gibt es noch ein paar Aufrechte, denen »ihre« Tour noch nicht vermiest wurde. Wie unser Leser Andreas Kautz, der wieder einmal vor Ort war und dabei etwas erlebte, was Sie vielleicht auch … aber bitte, lesen Sie: »Also diese Bergankunft am La Planche des belle filles (zum Schluss geht die Straße in eine asphaltierte Skipiste über) ist Kult und gw-verdächtig, ich denke und hoffe, die werden wir öfters im Programm sehen. Der Weg vom Campingplatz mit dem Rad dorthin war eine lohnenswerte und herrliche Schinderei, der Rückweg ebenso. Allerdings noch getoppt von einem Highlight. Bei zehn Prozent Steigung fidelte ein älteres Paar locker an mir (ca. 9 km/h) vorbei. Nach ein, zwei Sekunden der Verzweiflung, der Schockstarre und der totalen Demoralisierung merkte ich: Es waren E-Bikes!« – Ja, das kennen wir doch auch alle, oder?
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Den kompletten Erlebnisbericht können Sie im Online-Anstoß »Sport, Gott & die Welt« lesen, in der »Mailbox«, wie auch eine umfang- und inhaltsreiche Kritik von Karin Scheunemann am Umgang des DLV mit Athleten wie Julia Gerter und Pascal Behrenbruch. Karin Scheunemann, mit ihrem Mann Wolfgang nicht nur rund um Bad Nauheim als gute Seele der Leichtathletik und des Sports überhaupt bekannt, schreibt in der »Mailbox« noch einiges Lesenswerte mehr – klicken Sie mal rein!
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Zum vergnüglicheren Teil. Rätselfrage aus den letzten »Montagsthemen«: A. ist ein sensibler, nachdenklicher Mann, ordentlich und sogar leicht pedantisch, der gerne für sich ist, viel liest und Trubel vermeidet. Welchen Beruf hat A., Fußballprofi oder Bibliothekar? Mein Lösungsargument, einem ähnlichen Rätsel von Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann nachempfunden: »Da es in der Welt um ein Vielfaches mehr Fußballprofis als Bibliothekare gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch viel mehr Fußballprofis diese Eigenschaften besitzen als Bibliothekare, statistisch signifikant größer.« Aber gibt es wirklich so viel mehr Fußballprofis als Bibliothekare? Im US-Original von Kahneman ging es um einen Bauern, also Farmer, statt Fußballprofi, da dürfte das Verhältnis eindeutig sein (etwa wie in SZ und FAZ Doping zu Sport ….), aber in meiner Version müsste man wohl schon alle bezahlten Fußballer (bis in die vierte, fünfte Liga …) als »Profis« bezeichnen. Folgerichtig merkt unser Leser Christoph Huesing an: »Eine bessere Auswahlmöglichkeit wäre gewesen: 1. Hobbyfußballer und 2. Hobbyfußballer, der im Hauptberuf Bibliothekar ist.«
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Und plötzlich fiel mir ein, dass ich schon einmal eine ähnliche Frage gestellt habe. Nach langer Suche im Archiv (mir fiel der Name »Linda« nicht ein), wurde ich im Mai 2005 fündig, und siehe da, die Frage war im Lesersinn richtig formuliert: »Linda ist 31, Studentin, intelligent, kritisch, sozial engagiert usw. Welche Wahrscheinlichkeit ist höher, die, dass Linda a) Bankangestellte oder b) Bankangestellte und aktive Frauenrechtlerin wird?« – Lösung: Da nur diese beiden Möglichkeiten zur Auswahl stehen, ist die Wahrscheinlichkeit a) 100 Prozent, die von b) nur 100 minus x.
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Angefangen haben wir mit Kritik an den »großen« Kollegen. Weiter geht’s: Im »Hohlspiegel« des Nachrichtenmagazins Spiegel werden dumme, ungewollt lachhafte Fehler aufgespießt. Zum Beispiel diese Überschrift aus dem Fränkischen Tag: »Kreißsaal-Transport war schwere Geburt.« Der arme Kollege, der sich eine echt wortwitzige Überschrift ausgedacht hat und sich nun als Provinzdepp verhöhnt fühlen muss! Ging mir auch schon mal so, als ich mächtig stolz auf die Überschrift »Den 200-m-Läufern kam der Rückenwind entgegen« war und dafür »belohnt« wurde mit der Hohn-Auszeichnung »Schlagzeile des Jahres«.
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Wir schlagen zurück: »Ari bestellte immer das gleiche Bier in der gleichen Bar am gleichen Platz« (aus der Welt am Sonntag). Zwei Fehler! Zur Strafe müsstet ihr (auch die Pawlows von oben) immer am selben Bier in der selben Stadt am selben Platz nippen! Da ist nur (k)ein Fehler drin, aber der schmeckt ziemlich abgestanden. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle