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Karin Scheunemann über den Umgang des DLV mit jungen Athleten (und einiges mehr)

Nach längerer Abstinenz als Schreiber, aber nicht als Leser Deiner Kolumnen, die mir/uns zum Vergnügen gereichen, diesmal eine Randbemerkung zum Zeitgeschichtlichen: Berührt, aber auch mit Wut habe ich letzte Woche den Film über Gretel Bergmann gesehen. Wenn das auch nur halbwegs so zugetroffen ist, dann zeigt sich das System der Nazis mit seinen Machenschaften menschenverachtend nicht nur der Hochspringerin Gretel, sondern auch ihrer Konkurrentin gegenüber. Es wundert mich nur, daß dieses Sportkapitel selbst in der „Leichtathletik“ erst nach Herstellung des Films behandelt wurde, dabei war dies doch mehr als nur ein Nebensatz im vorolympischen Schmierentheater a la Potjemkin. Ich bin auch deshalb auf ein Kapitel im Bad Nauheimer Waldstadion gestoßen: Auf der „Von-Tschammer-und-Osten-Kampfbahn“, von 1934-35 gebaut, nach dem berüchtigten Reichssportführer benannt, der auch das Grußwort zur Einweihung schrieb, sprang eine gewisse Dora Ratjen deutschen Rekord. Vorgesehen war auch ein Festplatz mit Freilichtbühne und Thingplatz, bei Besichtigung des Geländes durch den Leiter der Landesstelle des Propagandaministeriums wurde aber auf letzteres verzichtet-glücklicherweise-(Quelle Festschrift Einweihung Waldstadion 1991) Auch daß Dora zum Mann mutiert sein sollte, wurde später nur als bedauernswerter Einzelfall betrachtet („so war das halt, man hat nicht so genau hingeschaut“) und nicht etwa als die Perfidie des Geplanten.

Nun zum „Fall Gerter“: Wir kennen Julia seit Jahren durch das Training der Nieder-Weiseler im Waldstadion und haben uns über ihre Entwicklung in Gießen und ihre Nominierung für Barcelona sehr gefreut. Umso ärgerlicher ist der Umgang des DLV mit einer jungen Athletin, die eingekleidet wird, dorthin fliegt und durch das Intervenieren eines extra angereisten cleveren Anwalts wieder weggeschickt wurde. Fürsorgepflicht Fehlanzeige! Ihre Konkurrentin hatte auch nichts davon ob der vielen Aufregung und dann nur 6,15m. Sollte Julia jemals wieder für diesen DLV starten wollen?

Das erinnert mich stark an den Umgang mit Pascal Behrenbruch. Vor drei Jahren kam er zu unserem Jedermann-Zehnkampf, machte drei Disziplinen aus Spaß mit zur Freude der Jedermänner und Kinder und versprach als Europameister wiederzukommen. Er durfte jedoch zu Hause bleiben, weil er bei den Deutschen Einzelmeisterschaften nur einen der beiden Leistungsnachweise schaffte: Im Speerwerfen, aber im 110-Hürdenlauf nach Fehlstart nicht. Statt ihn nun a. K. starten zu lassen, war man m. E. froh, für das Enfant terrible einen Ablehnungsgrund zu haben. Nach Wegfall der Top-Förderung und seinem Weggang zu Erki Nool nach Estland machte Pascal wieder mehrere Fehler: Er startete entgegen der Bundestrainermeinung bei der EM, statt sich 14 Wochen auf Olympia vorzubereiten. Außerdem wagte er es, erst 2 Stunden vor Wettkampfbeginn aufzustehen. Er hat auf sein Körpergefühl gehört und Nool hat ihn darin bestärkt. Mit Bestzeit am frühen Morgen, weiteren Bestmarken und dem Europameistertitel konnte er feststellen, daß ihn jetzt alle wieder lieb haben. Ein guter Trainer weiß: Jeder Athlet ist anders und reagiert auch anders und wird nur dann sein volles Potential abrufen, wenn er nicht in ein enges Korsett trainingswissenschaftlicher Systeme gepresst wird. Wir brauchen auch unangepasste Sportler! Wir wünschen ihm Erfolg in London und auch den anderen deutschen Dekathleten, von denen wir zusammen mit LSC-Leuten Rico Freimuth und Jan-Felix Knobel in Mörfelden sehen konnten, gemeinsam mit Weltmeister Aston Eaton und Weltrekordler Trey Hardee. Aston und Trey hoben sich wohltuend von dem arroganten Gehabe nord-und mittelamerikanischer Sprinter ab. Zwei höfliche, freundliche junge Männer, die fast jeden deutschen Zehnkämpfer mit Namen kennen und z. B. beim Stabhochsprung jeden gelungenen Versuch beklatschten. Nichts abgehobenes-kein Wunder, was gilt schon ein Zehnkämpfer in den Staaten, der in vielen Einzeldisziplinen  international nur Mittelmaß ist, aber in toto Weltspitze. Das geht in kein US-Hirn hinein, aber Europa und die Deutschen wissen dies gebührend zu schätzen. Bei strömendem Regen schaffte Trey seine Anfangshöhe von 4,94m nicht mehr (andere hättens erst gar nicht versucht) und prompt verkündet sid fernab von jeder Sachkenntnis „Eaton verpatzt Olympia-Generalprobe“. 1. Trainingslager gerade abgeschlossen-2. Miserables Wetter-3. Es war nur ein Dreikampf- 4. Man sollte jetzt kein großes Risiko eingehen. Wir sind jedenfalls sicher, Olympiasieger und Platzierte gesehen zu haben.

Soweit meine unmaßgeblichen Meinungsäußerungen. Ich könnte jetzt noch weiter ausholen und mich aufregen über Dummheit, Arroganz und Überkorrektheit, z. B. Kampfrichter, die noch heute vergeblich nach einem Abdruck/Eindruck beim Speerwerfen im Gras suchen. Oder ein Geräteprüfer, der triumphierend einen angeblich 1mm! zu kurzen, aber für teuer Geld erworbenen IAAF zertifizierten Speer aus dem Verkehr zieht oder ein anderer Kampfrichter, der mit einer Schablone die Gültigkeit des ebenfalls zertifizierten Staffelstabes in Frage stellt!.

Nach dem ersten Teil von Olympia im Fernsehen wollen wir uns das mal eine Woche in London anschauen, u.a. Fußball im Wembleystadion, oder Tennis in Wimbledon, denn wir werden nicht jünger und näher kommts auch nicht. Und vielleicht hat bis dahin Ariane dann wieder ihren Kopf frei, denn alles kann der arme Günther auch nicht richten; ich hoffe, daß die Nörgler nicht recht behalten. Ich freue mich schon jetzt auf viele Eindrücke für mein persönliches Olympiatagebuch. (Karin Scheunemann)

Baumhausbeichte - Novelle