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OlympiABC (vom 18. Juli)

Brundage, Avery: Schon 1936 hatte Avery Brundage, der »The Games must go on«-Verkünder von 1972, Prioritäten gesetzt: Als NOK-Chef der USA schmiss er Marty Glickman und Sam Stoller aus der Sprintstaffel. Sie waren die einzigen Juden im US-Team, und Brundage wollte es Hitler nicht zumuten, ihnen bei der Siegerehrung gratulieren zu müssen. Brundages Karriere hat nicht darunter gelitten: Er wurde 1952 IOC-Präsident und blieb es bis 1972. Immer noch hoch geehrt, ziert er die Präsidenten-Galerie im Olympischen Museum in Olympia.
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Citius – altius – fortius heißt nicht »schneller – höher – weiter«, sondern »schneller – höher – stärker«. Weiß der Oberlehrer, der sich später im OlmypiABC mit seinem Liebling »Olympiade« zurückmeldet.
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Coubertin, Pierre de: Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind eine der Konsequenzen deutsch-französischer Auseinandersetzungen. Nachdem deutsche Archäologen in Olympia die antiken Sportstätten ausgegraben und rekonstruiert hatten, wuchs im Franzosen Pierre de Coubertin der nackte Neid: »Deutschland hatte das ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war. Sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?« Die Antwort gab Coubertin bald selbst – er stellte wieder her. Eher unbekanntes olympisches Motto von Coubertin: »Olympische Spiele sind ein Ausbund männlicher Athletik, und der Beifall der Frauen ist deren Lohn.« Heute wird Mann nicht mit Beifall belohnt, sondern ausgepfiffen, egal ob Er in der Macho- oder Softie-Ecke seine Überlebensnische sucht.
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Dorf, Olympisches: 30 Tage vor Wettkampfbeginn in Olympia einrücken zu müssen, wie die alten Olympioniken, das wäre heute die ernsthafteste und durchgreifendste Maßnahme gegen Doping. Wie noch vor ein paar Jahrzehnten würde das Dorf hermetisch abgeriegelt (na ja, in München 1972 hat’s mit dem Hermetischen nicht ganz geklappt), jeder wäre auf sich allein gestellt, alles und alle würden von olympischer Polizei penibel kontrolliert – Doping unmöglich, und wer zuvor gedopt hätte, würde in dieser Atmosphäre des umgekehrten Placebo-Effekts völlig abkacken. Entschuldigung, aber da ist gerade mit mir die Sportsprache durchgegangen (meinen Vorschlag hat sogar – wirklich! – eine Expertenkommission des DOSB geprüft. Ergebnis: Sympathische Vorstellung, aber unrealistisch). – Realismus 1936: Das olympische Dorf wurde gleich im Anschluss an die Spiele Ausbildungslager für Infanteristen.
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Epiktet: Alter Stoiker. E., ziemlich unstoisch, über seinen Besuch Olympias um 100 n. Chr.: »Vergeht man nicht den ganzen Tag schier vor Hitze? Ist man nicht zwischen den Menschenmassen eingekeilt? Und wird man nicht völlig verrückt durch das Getöse und Geschrei und die anderen kleinen Ärgernisse? Aber natürlich nimmt man das alles gern in Kauf, weil es ein unvergessliches Spektakel ist.«
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Eröffnungsfeier: Von den Nazis 1936 erst so richtig aufgeblasener bunter Bombast. Auch Olympische Hymne, olympischer Kongress, olympischer Fackellauf – alles ersonnen vom nazistischen Propagandaministerium für die Spiele 1936, und wir halten diese Rituale bis zum heutigen Tag in hohen Ehren. Aus dem offiziellen Olympia-Buch 1936: Bei der Eröffnungsfeier »steigerte sich der Jubel zu besonderer Höhe, als Frankreichs stolze Söhne dem Führer den deutschen Gruß entbieten«(wird fortgesetzt). (gw)

Baumhausbeichte - Novelle