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Montagsthemen (vom 16. Juli)

In dieser bleiernen Zeit zwischen EM und Olympia, in der die Leichtathleten letzte Hand an sich legen, während in der Tour de France nur Fahrer Schlagzeilen machen, die nicht dabei sind und selbst der Bleifuß im Ferienstau Ruhe geben muss, ziehen sich Sportschreiber gerne an den nichtigsten Nichtigkeiten hoch.
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Das beginnt bei den allernichtigsten Testspielen der Fußball-Bundesligisten, die in diesem Trainingsstadium keinerlei Aufschluss in irgendeine Richtung geben, geht zu kleinen Trainings-Händeln über, die zu blutigen Vitali-vs.-Wladimir-Bruderkämpfen hochgejabt werden, und endet bei allen möglichen oder unmöglichen Spieler- und Macherwechseln. Dabei erlangt van der Vaart eine Bedeutung, als hätte er soeben im Alleingang Holland bei der EM zum WM-Titel geschossen, und Sammer scheint jetzt schon mit markigen Worten das Bayern-Triple unter Münchner Dach und Fach gebracht zu haben.
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Als philhellenischer Schüler des olympischen Gottes Apollo (»Erkenne dich selbst«) und als philentenhäuser Bruder im Geiste von Donald Duck (»Ich bin der allernichtigste Niemand«) durchschaue ich nichts besser als Nichtigkeiten, deren Synonym unter Journalisten auch »Hund beißt Mann« heißt. Daher ignoriere ich auch die Aufregung um FIFA-Bestechlichkeiten. Elektrisieren würde mich hier nur die »Mann beißt Hund«-Meldung: »Kein FIFA-Funktionär jemals bestochen.«
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Wem gar nichts mehr einfällt, der macht letzte »Uns fehlt ein Drecksack«-Zuckungen. Hat uns ein solcher bei der EM gefehlt? Armin Veh gibt im »SZ«-Interview die Antwort: »Spanien – mit wem haben die denn gewonnen? Xavi, Iniesta, die haben keinen einzigen Drecksack im Team.« Und keinen einzigen Hymnensänger. Das allerdings nur, weil Spanien keinen Hymnentext hat.
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Dafür einen Trainer, der wie ein Gegenentwurf zu Jürgen Klopp erscheint. Allerdings nur von Alter und Habitus her, menschlich und fachlich dürften sie auf einer Wellenlänge liegen. Vicente del Bosque hat aber mächtig Glück gehabt, dass er Spanier und kein Deutscher und die Steckrübe keine Mohrrübe ist, denn sonst stünde er im Mittelpunkt eines Skandals, in dem sich aller Blitz und Donner dieses Sommers auf seinem Haupt entlüde. Del Bosque wurde Ehrenmitglied des Vereins »Freunde der Steckrüben«. Man stelle sich vor, deutsche Karottenfreunde küren Löw zum »Ritter der Mohrrübe«!
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Obwohl – seltsamerweise bleibt bei uns die Mohrrübe von Mohrnkopp-Erregung verschont. Das wäre doch mal ein Sommerloch-Thema! Stattdessen diskutiert neuerdings alle deutsche Gender-Welt über die politisch geschlechtskorrekte Ansprache: Wähler- und Wählerinnen? Freunde und Freundinnen? Nein! Denn es droht, liebe Leser_innen, der Gender_Gap. Der Unterstrich soll, wie der Deutsche Bundesjugendring dringend vorschlägt und künftig anwendet, alle Menschen einbeziehen, die nicht Mann oder Frau sind oder sein wollen. So ändern sich die Zeiten zum Besseren: Früher drohte der Fulda-Gap (Altvordere, erinnert ihr euch?), heute nur noch der Gender_Gap.
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In diesem Zusammenhang: Dass Sarah Attar mit einer 800-m-Bestzeit von 2:40 an den olympischen Spielen teilnehmen darf, obwohl diese Zeit ungefähr einer Hochsprung-Leistung von 1,50 entspricht, wäre Wasser auf meine olympische Anti-»Exoten«-Mühle à la Schanzen-Belustigung Eddie The Eagle oder Eric Moussambani, der Olympiaschwimmer aus Äquatorialguinea, der bei uns durch die Seepferdchenprüfung fiele. Aber der Satz steht im Konjunktiv, denn die in den USA lebende Sarah Attar wird die erste saudische Olympiateilnehmerin sein, was der zähneknirschend zustimmenden saudischen Obrigkeit Wutpickel auf die Nase treibt, zumal Sarah Attar nicht in Ganzkörperverpackung antreten wird. Da applaudiert auch der Anti-Exoten-Schreiber, der auf manche feministischen Verrenkungen hierzulande nur mit Spott reagiert.
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Noch was ganz anderes: Erinnern Sie sich an die Rechenaufgabe des Wirtschafts-Nobelpreisträgers Daniel Kahneman? »Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?« Die Aufgabe hatte ich einem »Spiegel«-Interview entnommen, Anlass war das Kahneman-Buch »Schnelles Denken, langsames Denken«, das auch schnell auf die Bestsellerlisten kam. Ich hab’s gekauft und lese es jetzt, bin noch am Anfang, habe aber schon eine hübsche neue Aufgabe gefunden und sportgerecht umformuliert. Also: A. ist ein sensibler, nachdenklicher Mann, ordentlich und sogar leicht pedantisch, der gerne für sich ist, viel liest und Trubel vermeidet. Und nun die Frage, bitte spontan antworten, null Sekunden Bedenkzeit: Wenn Sie wetten müssten, welchen Beruf A. hat, Fußballprofi oder Bibliothekar, worauf würden Sie setzen?
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Wer die Baseballfrage heute erstmals liest, dürfte über die Lösung (5 Cent) ebenso staunen wie über die des vermeintlichen Bibliothekars. Denn A. könnte der Beschreibung nach zwar auch ein solcher sein, doch da es in der Welt um ein Vielfaches mehr Fußballprofis als Bibliothekare gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass  auch viel mehr Fußballprofis diese Eigenschaften besitzen als Bibliothekare, statistisch signifikant größer.
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So, alle Fragen gelöst. Bis auf die korrekte Ansprache für den, die und das Leser. Wer am Samstag den Sport-Stammtisch gelesen hat, weiß, dass die Piraten an »Eichhörnchen« denken und ich ihnen »Elritze« vorgeschlagen habe, wegen der Schwarmintelligenz. Aber wäre »Liebe Eichhörnchen und Elritzen« wirklich die Lösung? Als alter Hesse halt ich mich raus und an unser: »Liewe Leut!« (g_w)

Baumhausbeichte - Novelle