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Sport-Stammtisch (vom 14. Juli)

Als Mario Götze bei der EM keine tragende Rolle spielen durfte, nahm er sich (im »FAZ«-Interview) vor, einen guten Rat zu beherzigen: »Ich soll den Kopf nicht hängen lassen.« Das tut er, ganz offensichtlich. So weit, so gut.
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Leider nur ein spätpubertärer Kalauer von mir. Weil: Das Schweizer »Bild«-Pendant »Blick« hat gestochen scharfe Fotos eines Paparazzos veröffentlicht, auf dem ein turtelnder Götze in knapper Badehose mit einer . . . in einem gewissen Aggregatzustand zu sehen ist. Von down under gesehen würde ein Australier staunen: Pinocchio nach Lügenorgie!
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Schluss mit lustig. Das Götze-Management stieß im Internet auf die auch online veröffentlichten »Blick«-Fotos und reagierte prompt. Der »Blick« musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben und die Fotos aus dem Netz nehmen. Nur: Was einmal im Netz ist, bleibt im Netz und taucht hier und da und dort bis in alle Ewigkeit auf. Armer Mario.
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Man könnte zwar auch einwenden, wer sich öffentlich in solcher Form präsentiert, ist selbst schuld. Aber dies und auch, dass die Beturtelte angeblich – natürlich!– ein Model von gewisser C-Prominenz ist, spielt in diesem Fall keine Rolle. Denn Mario Götze könnte unter der Freiheit des Internets ein Fußball-Leben lang zu leiden haben, und zumindest die Karikatur des Fotos dürfte ihm demnächst von gegnerischen Fans buchstäblich vorgehalten werden.
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Die geringsten Probleme sind im Dortmunder Mannschaftskreis zu erwarten. Jürgen Klopp ist klug und autoritär genug, alle Frotzeleien im Keim zu ersticken, ohne die Sache überhaupt zu thematisieren. Wen er bei einem dummen Witz à la gw (Kopf nicht hängen lassen, Down-under-Pinocchio) erwischt, wird dies hoffentlich mit einer unangenehmen Sondertrainingseinheit büßen müssen.
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Die Freiheit des Internets: Nicht die Achtung der Freiheit des Andersdenkenden, sondern die Freiheit des Schwarms, online alles tun zu können und nichts lassen zu müssen, ACTA ad acta legend. Das nennt sich auch Freiheit der Schwarmintelligenz, wirkt aber wie verrohende innerliche Verwahrlosung.
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In einer schönen und mir thematisch sehr zupass kommenden Kolumne beschreibt »SZ«-Autorin Evelyn Roll ein altes Experiment von Konrad Lorenz zur »Schwarmverblödung«: Einer Elritze wurden Teile des Gehirns entfernt, die dafür sorgen, dass der Fisch sich im Schwarm bewegt. Danach schwamm die Elritze orientierungslos aus der Schwarmstruktur heraus – und allmählich folgten ihr alle anderen Fische, sodass sie wieder einen Schwarm bildeten, motiviert und angeführt von der gehirnamputierten Elritze.
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Käme jetzt ein Shitstorm über mich, müsste ich ihn demütig erdulden, denn Millionen Fliegen können ja nicht irren, oder? Obwohl ich bei weitem keinen Fäkalton anschlage wie zum Beispiel Tour-Favorit Bradley Wiggins, der während einer Pressekonferenz ausrastete, als man auf Doping-Anschuldigungen, vor allem auch anonyme via Twitter und Co., zu sprechen kam. Wiggins’ Englischkurs für fortgeschrittene Gassenjungs: »They are just fucking wankers. It’s easy to sit under a pseudonym on Twitter and write that sort of shit, rather than get off their arses in their own lives and work hard at something and achieve something. Cunts!« – Übersetzen müssen Sie’s schon selbst, denn ich habe als anständiger deutscher Kolumnist nicht die geringste Ahnung, was »wankers« und »cunts« sind.
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Flachwi…tzigkeit von »gw« kennt keine Grenzen? Die »Titanic« kann’s noch flacher. Auch als papstloser Geselle und »Pardon«-Leser der ersten Stunde (vielleicht aber gerade deswegen?) finde ich die Fotomontage vom Papst mit Urinfleck auf der Soutane (Text: »Die undichte Stelle ist gefunden«) unter aller, »Pardon«!, Sau. Jovialer Szene-Humor aus dem Alternativ-Stadl, katholische Empörung schenkelklatschend herbeisehnend, da statusfördernd und total ungefährlich. Die Soutane ist kein jüdisches Symbol, und vor allem heißt der Papst Ratzinger und nicht Mohamed, denn sonst bräche Panik aus auf der »Titanic«.
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Aber ich will nicht immer nur motzen. Daher helfe ich den Frei-Beutern auf der Suche nach einem geschlechtsneutralen Namen. Im »Liquid Feedback« sucht der »Piraten«-Schwarm nach Lösungen. Das konventionelle »Piraten und Piratinnen« mögen sie nicht, daher steht laut »Spiegel« das »Eichhörnchen« auf Platz zwei der parteiinternen Vorschlagsliste. »Der Ausdruck könne als ausreichend geschlechtsneutral angesehen werden, da er keine weibliche Form besitze«.
Auf meiner Vorschlagsliste ganz oben: das Elritze. Oh, shit, da kommt der storm! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle