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OlympiABC (Teil 1 vom 13. Juli)

Adorno, Theodor: Von Fans als großer Olympier seines Fachs verehrt. Sport jedoch gehörte für ihn »ins Reich der Unfreiheit«. Denn: »Zum Sport gehört nicht bloß der Drang, Gewalt anzutun, sondern auch der, selber zu parieren und zu leiden.« Ein Miesmacher des Sports also. Dabei waren doch einige seiner glühendsten Frankfurter Verehrer große Sportfans, manche von ihnen zweckentfremdeten den Sport sogar zum Training für durchschlagskräftigere Demos.
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Almsick, Franziska van: Schwimm-Heroine, als 14jähriges Wunderkind 1992 in Barcelona aufgetaucht. In Sydney 2000 zwischenzeitlich untergegangen. Schlagzeile des heutigen Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner: »Franzi van Speck – als Molch holt man kein Gold.« Vor Athen 2004 bot Wagner F. v. A. an, ihn im Falle ihres Olympiasieges ohrfeigen zu dürfen. Wenn es aber nur »Silber, Bronze oder ein vierter Platz wird, wünsche ich Ihnen viele Babys, die wahren Goldmedaillen einer Frau«. Doping wird bestraft. Warum nicht auch Doofing?
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Amateurstatut: Vor der Entdeckung des Dopings olympischer Moralaufreger Nr. 1. Erstes Opfer: Jim Thorpe. Der Zehnkampf- und Fünfkampf-Olympiasieger in Stockholm 1912 wurde nachträglich disqualifiziert, weil er in einer unterklassigen Liga Baseball gespielt und dafür 60 Dollar kassiert hatte. Mittlerweile spielt das A. keine Rolle mehr. Letztmals tauchte es 2003 auf, als der damalige Basketball-Jungsuperstar Lebron James vom High-School-Verband der USA gesperrt wurde. James hatte verbotenerweise zwei Pullover angenommen, im Wert von allerdings stolzen 845 Dollar.
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Arschbombe: (Noch) nicht olympisch, aber sicher bald. Weltmeisterschaften gibt’s schon. Wertungsgrundlagen: Lautstärke des Aufklatschens, Mächtigkeit der aufgewirbelten Wassermasse und unbeteiligt wirkende Miene in der Flugphase.
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Athen: Verlor den Wettkampf um Jubiläums-Olympia 1996 gegen Coca-Cola-Atlanta. Ein Schock für die Griechen. Dennoch laut »Anstoß« von 1990 »ein Glück für Athen: Eine nationale Katastrophe hätte sich anbahnen können. Der Staat ist fast pleite, wird von politischen Krisen geschüttelt, verfügt über eine schwach entwickelte sportliche – und allgemeine – Infrastruktur und steht vor gewaltigen Umweltproblemen. Wer Land und Leute liebt, gönnt ihnen alles – nur keine Olympischen Spiele.« – Tja. 2004 ging der Kelch nicht mehr an den Griechen vorüber. Sie tranken ihn aus, bis zum letzten Euro-Tropfen.
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Bach, Dr. Thomas: Mächtigster Mann im deutschen Sport, wird als künftiger IOC-Präsident gehandelt. Gehörte als Fechter und Aktivensprecher 1980 zu den wenigen Aufrechten, die gegen den Olympia-Boykott kämpften. Wurde von Boykott-Befürworter Helmut Schmidt, für den – ein notorischer Nichtsportler – Sport nur politische Verfügungsmasse war, persönlich abgekanzlert, abgebügelt und abgebürstet.
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Boykott: Wird vom OlympiABC boykottiert.
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Boykotterl: Sonderform des B., praktiziert in Moskau 1980. Österreich nahm an den Spielen zwar teil, drückte aber tiefsten Abscheu über die Sowjet-Aggression in Afghanistan aus: Beim Einmarsch winkten die Ösis freundlich ins Publikum, aber vor der politischen Prominenz auf der Ehrentribüne wurde streng und strafend geradeaus geschaut. Einige ballten in der Trainingshose sogar ein Fäustchen. (wird fortgesetzt) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle