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Machmanns Pimping (Anstoß vom 12. Juli)

Welches Bild von der Fußball-EM haben wir noch im Kopf? Es hat mit Fußball nichts zu tun, ist aber DAS Bild der EM: Mario Balotellis Muskel-Pose, am Ende des Jahres wahrscheinlich das meistveröffentlichte, -fotomontierte und -parodierte Bild überhaupt.
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Passend dazu erinnern wir uns vor allem an rundumtätowierte Unterarme. Wehe, eine neue tattoolose Modewelle rauscht heran, wehe, wehe, denn das Entfernen tut sehr wehe und »kostet je nach Größe bis zu ein paar tausend Euro, und man braucht 10, 20 Behandlungen« (Hautarzt und Tattoo-Entferner Nikolaus Seeber im Spiegel).
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Balotelli beließ es nicht bei Tattoos und martialischer Frisur, sondern warf sich damit in die Pose, die bei den Bodybuildern »Crab« heißt oder »Most Muscular«. Grundregel für diese Posingfigur: »Ein Bein wird leicht nach vorne gestellt, der Oberkörper wird leicht nach vorne gebeugt. Die Arme werden nach vorne gebracht. Der Trapezmuskel wird angespannt, ebenso der Bizeps und die Brust.«
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Balotelli sah sogar aus der Sicht von Bodybuildern lächerlich aus, denen »Most Muscular« ansonsten nicht lachhaft, sondern heilig ist. Dem dünnen Kerl fehlten einfach die Muskeln für den »Crab«, aber das nur am Rande. Die Frage bleibt: Warum plusterte sich Balotelli auf? Warum lassen sich seine Brüder im Geiste die Unterarme, die Hucke und alles, was Haut ist, derart volltätowieren?
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Was bei den Bodybuildern Posing und Bestandteil des Wettkampfs ist, heißt in der Lebensszene der Balotellis »Pimping«, was von »pimp« (Zuhälter) abgeleitet ist und am besten mit »aufmotzen« übersetzt werden kann: Zum Pimping gehören das Tattoo, die Frisur, die Muskeln, die Kleidung, die Ringe und diverse andere Accessoires sowie das ganze zuhältertypische Gehabe, das eigene Coolness ausdrücken und andere ängstigen und einschüchtern soll.
Aber was signalisiert es wirklich? »Ich habe Angst!« In Sten Nadolnys neuem Roman »Weitlings Sommerfrische« steht der Satz dazu: »Nur wer Angst hat, will gefährlich aussehen.«
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Macho-Männer und die Angst. Dazu kennt die deutsche Sprache wunderschöne Wörter, die vergessen, aber in Grimms Wörterbuch noch zu finden sind. Zum Beispiel der »Machmann«, das ist »einer, der einen Mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein«, eine »Scheinfigur«. Oder das herrliche Verb »abängsten« (= durch Angst ermatten).
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Wenn wir mit diesem Wissen den Balotellis zusehen, würden wir sie am liebsten tröstend in den Arm nehmen, und wahrscheinlich würden sie, erleichtert vom Pimping-Zwang, schluchzend an unsere Brust sinken. Dann streicheln wir den Irokesen-Kopf, tätscheln den Tattoo-Arm und flüstern ihnen zu: Sind wir nicht alle bloß abängstende Machmänner? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle