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Schäuble und die Schrebergärtner (Anstoß vom 11. Juli)

Die Doping-Vorwürfe von Pascal Behrenbruch (»Ich habe schon seit jeher das Gefühl, dass Russen, Weißrussen oder Ukrainer was nehmen«) machen Schlagzeilen und dem Zehnkämpfer Probleme. Letzteres zu recht, wenn er nur diesen Satz gesagt hätte, denn ohne Beweise wären es unsportliche Verdächtigungen. Aber Behrenbruch fuhr fort: »Mein Trainer, der früher für Russland gestartet ist, sagte mir aber, dass die Osteuropäer genauso über uns denken.«
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Dass nur der erste Satz Schlagzeilen macht und nicht der zweite, der selbstironische, ist bezeichnend für unsere Medienkultur. Im Zusammenhang spricht Behrenbruch nur aus, was alle wissen: In der Szene verdächtigt jeder jeden.
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Und alle verdächtigen Lance Armstrong. Auch am Ruhetag spricht kaum jemand vom Duell Wiggins vs. Evans, selbst Tony Martins unfassbares Pech wird nur am Rande notiert, Armstrong beherrscht die Schlagzeilen.
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Aber keine Angst, dies wird nicht die x-te Dopingkolumne, sondern eine zum Thema Wahrheit: Wie Wahrheit verbrämt und verschämt umschrieben und wie mit belanglos wahrer Antwort die Frage nach der interessierenden Wahrheit unbeantwortet bleibt.
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Jan Ullrich sagte: »Ich habe nie einen Konkurrenten betrogen.« Das war Notwehr-Wahrheit. Lance Armstrong sagt: »Ich habe niemals gedopt.« Das ist ein starkes Stück.
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Mit anderen Aussagen Armstrongs kommen wir der Wahrheit näher. Mit bewährt belanglosen, aber gut ankommenden Wahrheiten vernebelt er die gesuchte Wahrheit. Statt sich mit den Vorwürfen zu beschäftigen, werde er jetzt »Livestrong weiter voranbringen, meine fünf Kinder großziehen und fit bleiben.« Livestrong ist seine Krebs-Stiftung, Familie geht immer, Fitness ist ebenfalls positiv besetzt, wer redet da noch von Doping?
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Dass Armstrong zwar viele Millionen für seine Krebs-Stiftung sammelt, einen großen Teil davon aber für »Livestrong«-Werbung ausgibt, wovon auch die Internetseite »Livestrong.com« für Ernährungs- und Fitnessprodukte profitiert, die auf zwei Milliarden Dollar taxiert wird – welche Wahrheit ist das? Oder dass er seine väterlichen Gefühle schon in aktiven Zeiten bemühte: Von einem Jahr aufs andere verzichtete er auf seine Frühjahrsvorbereitung in Europa, als dort allmählich Trainingskontrollen drohten. Moralisch unwiderlegbarer Grund: Er wolle mehr Zeit für seine Kinder haben.
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Ob sich die Schlinge nun zuzieht oder nicht (sein Netzwerk ist stark und reich, auch an Einfluss), das Fernziel US-Präsidentschaft wird Armstrong abhaken müssen. Obwohl seine Technik, mit wahren Antworten die wahren Fragen unbeantwortet zu lassen, absolut politikreif ist.
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Apropos, kürzlich gelesen: Auf die Frage im Stern-Interview, ob das »Versprechen gilt, dass die Kanzlerin und Ihr Vorgänger Steinbrück im Oktober 2008 abgegeben haben: Die Spareinlagen sind sicher!«, antwortete Finanzminister Wolfgang Schäuble: »Daran hat sich seit 2008 nichts geändert.« Ein sophistisches Meisterstück, das geschickt die eigentliche Frage nach der Sicherheit von Spareinlagen unbeantwortet lässt.
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Die Wahrheit verbrämt, verschämt und zur Not auch unverschämt zu umschreiben, ist jedoch nicht nur in der Politik Usus, sondern auch urbi et orbi. So heißt die skandalbelastete Vatikanbank offiziell »Institut für die religiösen Werke«, und als der Bestsellerautor Wladimir Kaminer auf den boomenden Garten-Geschmack kam und bei den Schrebergärtnern anfing, wurde er schon bald aus deren Gemeinschaft ausgeschlossen. Grund: Er habe zu viele »Probleme mit spontaner Vegetation«. Bei echten Schrebergärtnern gibt’s nun mal kein Unkraut, selbst als Wort nicht.
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Einmal, 1978, sagte ein Politiker glasklar die Wahrheit zum Thema Doping: »Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Der damalige Vorsitzende des CDU-Bundestagsfachausschusses Sport muss sich noch heute mit diesem Zitat rumärgern, das ihm in naiver, rechtschaffener Verantwortungsethik rausgerutscht war. Das könnte Wolfgang Schäuble heute nicht mehr passieren! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle