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Montagsthemen (vom 9. Juli)

Miesfieses gegen uns Hessen. Der Veranstalter des traditionsreichen Roth-Triathlons hetzt gegen den Frankfurter Ironman-Emporkömmling: »Zu uns kommen die Sportler, weil sie wollen. Nach Frankfurt, weil sie müssen.« Der selbst nicht gerade problemfreie Reitersmann Beerbaum spricht dem Sportkameraden Rath die sportliche Klasse ab und ätzt gegen den Kronberger Totilas-Stall: »Die könnten es sich sogar finanziell leisten, das Pferd morgen auf den Grill zu legen und aufzuessen.« Da vergeht nicht nur Vegetariern der Appetit.
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Zu beiden antihessischen Streitfällen erlaube ich mir aus Fachunkenntnis keine Meinung außer dieser: Meist ist in der Spitzenreiterei das Pferd das ärmste Schwein, diesmal jedoch der Reiter, der nicht »nur« am Pfeifferschen Drüsenfieber leiden dürfte.
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Ganz anders der dritte antihessische Fall. Zu der Attacke von Ulrike Meyfarth auf Ariane Friedrich habe ich am Samstag im »Sport-Stammtisch« ausführlich Stellung bezogen, wobei ich mich bewusst, um völlig unbeeinflusst zu bleiben, vorab nicht bei Friedrich-Trainer Günter Eisinger über Hintergründe und Interna informiert hatte. Der eine und andere Leser und Kollege unkte schon, da könnte ich es mir mit meinem langjährigen Leser Eisinger verdorben haben. Nur so viel dazu: Er war zwar überrascht, »aber nur positiv, wirklich sehr positiv«. Günter Eisinger bestätigte meine Einschätzung der Gründe für das »Außer sich sein«-Müssen seiner Athletin, um auch höhenmäßig über sich hinausspringen zu können, was ich »als einziger Journalist erkannt« hätte. Er habe das Gefühl, »Du bist im Geiste immer noch voll und ganz Sportler«. Ja, natürlich bin ich das!
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Von der vereinbarten Vertraulichkeit unseres Hinterheraustauschs per Mail und Telefon haben wir Eisingers Erklärung zur auch von mir kritisierten Medienpräsenz von Ariane Friedrich ausgenommen: Sie beide hätten in den letzten Monaten praktisch alle möglichen und unmöglichen Angebote für Medienauftritte abgesagt. Ariane Friedrich hätte in fast allen Talkshows, beim Promitanzen, Pokern, Kochen, Wasserspringen (Raab) usw. auftreten sollen – alles sei abgelehnt worden. Auch gegenüber der schreibenden Zunft werde abgeblockt, »aber als Reaktion auf meine Bitte um Ruhe wird fleißig drauflosgeschrieben«, klagt Eisinger und wirkt dabei fast verzweifelt.
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Wäre ich nicht immer noch mehr Sportler als Journalist, könnte auch ich an investigativem Anspruch und Wirklichkeit in meinem Beruf verzweifeln. So aber habe ich nur meine realsatirische Freude, wenn sogar das Standesmagazin »journalist« einen Workshop zum Thema »moderne Geflügelhaltung« anpreist, mit freier Kost und Logis in einem Wellness-Hotel (die Reisekosten bezahlt dann wohl der Verlag). Die Fortbildung wird gesponsort von der »Informationsgemeinschaft Deutsches Geflügel«. Ja, wirklich!
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Apart auch die Themen vieler Journalistenpreise. Wie bei jenem vom »Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung«. Natürlich könnte da jeder nach Herzenslust investigativ tätig werden, aber wer den ausgelobten 10 000-Euro-Preis gewinnen will, sollte sich vielleicht doch an die Orientierungshilfe des Verbandes halten, der Geschichten »besonders interessant« findet, »wie die aus Kraft-Wärme-Kopplung resultierenden Chancen, Herausforderungen und Entwicklungen genutzt« werden können. Da werden sich wohl einige Geschichtenerzähler finden lassen!
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Beide Schoten habe ich nicht selbst recherchiert, sondern sie wurden im »Spiegel« bzw. in der »Zeit« aufgespießt, was wiederum den Berufsstand ehrt. Ehrensache, dass ich diese Quellen nenne. Tat dieser Tage umgekehrt auch die FAZ, nachdem ich über das bedeutungsgewandelte Wort »Betreuung« im Betreuungsgeld geschrieben und dazu Grimms Deutsches Wörterbuch und Sternbergers »Wörterbuch des Unmenschen« gewälzt hatte. In der FAZ stand dann eine Glosse unter dem Titel »Betreut«, mit gleichem Tenor und auch gleichen »Unmensch«-Zitaten, aber immerhin mit dem schamhaften Hinweis, man sei darauf »durch eine ›Sportstammtisch‹-Kolumne aufmerksam geworden«. Mir aber sehr peinlich: Unter dem Text stand das Autoren-Kürzel »G. St.«, so dass Kollegen feixten, denn »G. St.« und nicht »gw« ist auch mein echtes Namenskürzel. Zu Hause habe ich ein Frühstücksbrettchen, auf dem meine ständige Ausrede nach einem Haushalts-Malheur steht. »Ich war’s nicht!«. Ich schwör’s: Das war ich wirklich nicht!
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Schnell noch aktuell Sportliches abhaken: Zur neuen Diskussion um den Pistorius-Start bei Olympia nur mein alter Stand-Punkt: Er betreibt eine andere Sportart als seine komplettbeinigen Gegner. Punkt. – Torlinientechnologie: Viel Wind um ein gewundenes Wort, vorerst abgeschoben in FIFA-Reservate wie Jugendspiele oder Confed-Cup. – Immer noch Hymnensingen: Es geht nicht um nationale Gefühle, sondern um Zeichensetzung: Entschlossenheit gegen Verdruckstheit. Eher unerheblich, ob dabei die Nationalhymne gesungen wird oder »Alle meine Entchen«. – Klitschko: Interessant ist nur noch, nach dem Kampf zu lesen, was die Gegner vor dem Kampf sagen. – Sammer: Er wird die Bayern nicht beliebter machen. Besser? Es kann ja nur besser werden, ob mit oder ohne Sammer.
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Und dann noch das: Morgens in die Redaktion gekommen. Ein Kollege hat sein Rad mit hinein geschleppt. Und dort, trotz Nachtwächter und verschlossener Tür, am Treppengeländer angekettet. In Misstrauen gegen den eigenen Berufsstand bin ich also nicht allein. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle