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Wer bin ich? (1. Juli-Runde)

Wer mich heute sieht, würde in mir eher einen früheren Langstreckler vermuten, aber ich war wirklich einer der besten deutschen … ach so, ich soll die Sportart nicht verraten, sonst googelt jemand meinen Namen. Also gut, dann versuche ich eine ungoogelbare Vorstellung: Als meinen größten sportlichen Erfolg bezeichne ich es, an einem Tag fünfmal Kreismeister geworden zu sein: 100-m-Lauf, Kugelstoßen, Diskuswurf, Speerwurf und in der 4-x-100-m-Staffel. Später schaffte ich beim Bankdrücken immerhin gut 140 Kilogramm und konnte die 100 Meter unter elf Sekunden laufen.
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Das hilft Ihnen bei der Suche nach mir natürlich nicht viel weiter. Dabei habe ich einen Namen, den fast jedes Kind in Deutschland kennt, zumindest jedes alte Kind. Zum Glück ist mein Name nicht so negativ belastet wie jener des unglücklichen Mannes, mit dem heutzutage »geharzt« wird.
Wenn Sie nun glauben, ich sei einer dieser Prominenten, die sich zu Ex-Sportgrößen stilisieren, aber stinknormale Freizeitsportler waren, dann haben Sie sich getäuscht. Ich heiße nicht »Acker« oder »Howie«, sondern durfte tatsächlich von Olympia träumen.
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Leider blieb es beim Traum. Zwar wurde ich in den deutschen Auswahlkader für die Europameisterschaften aufgenommen, aber eine schwere Knieverletzung beendete abrupt meine sportliche Karriere. Ich war erst 23, hatte lange an diesem echten Schicksalsschlag zu kauen und für eine längere Zeit immer einen Kloß im Hals, wenn im Fernsehen die Eröffnungsfeier von Europameisterschaften oder Olympischen Spielen übertragen wurde.
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Was tun mit der brach liegenden sportlichen Energie? Ich steckte sie in einen neuen Leistungssport, das Studium, wurde schon mit 30 Jahren Professor und startete eine akademische Laufbahn, die mich doch noch in den Olymp brachte und sogar zeitweilig zu einer Art Zeus unter meinen Mitolympiern machte. Ich glaube also, dass ich die Enttäuschung ganz gut durch ein intensives, effizientes und recht erfolgreiches Studieren kompensiert habe. Ehrgeiz findet in aller Regel sein Ziel.
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Einige meiner Sätze hat mir nicht der »Wer bin ich?«-Redakteur in den Mund gelegt, sondern ich selbst habe sie vor einigen Jahren gesagt. Aber versuchen Sie gar nicht erst, sie in den Tiefen des Internets zu suchen – Sie werden sie nicht finden. Wer bin ich?
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Einsendeschluss: 14. Juli. Letzter Tipp: Der Gesuchte ähnelt physiognomisch einem dieser Comedians und Kabarettisten: Henni Nachtsheim, Dieter Hildebrandt, Ottfried Fischer, Matthias Beltz, Harald Schmidt, Piet Klocke, Herbert Feuerstein, Eckart von Hirschhausen, Georg Schramm oder Django Asül. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle