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Sport-Stammtisch (vom 7. Juli)

Einführung der Torkamera: Sensation? Revolution? Ach was. Nur ein taktischer Schachzug der FIFA, um mit diesem minimalen Zugeständnis die ungeliebte Diskussion um den Video-Beweis einzudämmen. Das wirklich Sensationelle der Woche geschah auf einem ganz anderen Feld.
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Die Kritik von Ulrike Meyfarth an der Olympia-Nominierung von Ariane Friedrich ist kein simpler Zicken-Krieg, sondern eine in dieser scharfen, ätzenden Form selten erlebte Aggression einer großen Sportlerin: »Ich habe kein Verständnis für die Nominierung von Ariane Friedrich«, schreibt die zweifache Hochsprung-Olympiasiegerin in einer persönlichen Erklärung an den Sport-Informationsdienst, also unbefragt auf eigene Initiative. Man könne »nur wünschen, dass weniger schrill colorierte Haare, als vielmehr Leistungen die Olympia-Wildcard rechtfertigen«.
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Wie ist dieser ungewöhnliche emotionale Ausbruch zu erklären? Auf der einen Seite haben auch Wohlmeinende (hier schreibt einer) nicht nachvollziehen können, welchen teils überzogenen medialen Aufwand Ariane Friedrich in ihrer langen Verletzungspause betrieben hatte oder hatte betreiben lassen. Man fragte sich: Drängt ihr Sponsor auf diese manchmal schon peinlich wirkende mediale Präsenz? Klar ist auch, dass Ulrike Meyfarth nach ihrem schwerelosen Teenie-Erlebnis in München und vor ihrem olympischen Comeback in Los Angeles sehr erdenschwere, bittere Sportjahre erleben musste. In all ihrer unglamourösen Sprödigkeit, ihrem Misstrauen gegenüber Journalisten und ihrem Widerwillen gegen jegliche Form von Show um der Show Willen ist sie ein Gegenentwurf zum auf schrille Flippigkeit zielenden Image von Ariane Friedrich.
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Auf der anderen Seite: Ariane Friedrich hat nicht das Talent und die körperlichen Voraussetzungen einer Meyfarth. Sie kompensiert dieses physische Handicap durch extreme psychische Anstrengung. Im Training springt sie nie über große Höhen – was im Wettkampf über 1,90 oder gar zwei Meter hinausgeht, ist buchstäblich hochgepusht. Die »normale« Frau Ariane Friedrich ist keine außergewöhnliche Hochspringerin, sie wird es nur, wenn sie sich ins Außergewöhnliche verändert, wobei schrille Haarfarben noch den geringsten Aufwand benötigen. Eine wie Ariane Friedrich muss buchstäblich »außer sich« sein, um außergewöhnliche Höhen zu springen.
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Sachlich-fachlich liegt Ulrike Meyfarth schlicht falsch. Olympia ist eine Veranstaltung des IOC, das für die Teilnahme eine Qualifikationsnorm verlangt, die Ariane Friedrich erfüllt hat. Maximal drei Athleten pro Land sind zugelassen, mangels IOC-Norm anderer nimmt Ariane Friedrich niemandem einen Olympiaplatz weg. Dass sich Deutschland intern schärfere Teilnahmekriterien zugelegt hat als das IOC, ist nur eine Facette der heuchlerischen Dopingdiskussion in unserem Land. Schlimm genug, dass Weltklassesportler wie De Zordo oder Friedrich (Bartels mit Abstrichen, er hatte Konkurrenz) überhaupt so lange  bangen und betteln mussten, bis sie nominiert wurden, statt von vornherein zu wissen: Wir sind dabei, es sei denn, es gibt drei Bessere.
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Fatal für Ariane Friedrich, dass sie nun zwei psychische Handicaps im Hinterkopf mit nach London nimmt: Zweifel um den Sprungfuß und den lähmenden Gedanken an die Gefühle, die ihre Aufputschrituale bei einem ihrer Vorbilder (ist Ulrike doch, oder?) auslösen. Aber nur, wenn sie von beidem »den Kopf frei« hat, wird sie in London bestehen.
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Schon naht das Kolumnenende. Was Balotelli und  Sten Nadolny verbindet, muss ebenso verschoben werden wie Gedanken zur Ehrlichkeit am Beispiel von  Schäuble,  Armstrong und den Schrebergärtnern. Auch dass ein Leser (Dankeschön, Bernhard Alban aus Steinfurth) entdeckt hat, dass die FAZ aus meiner »Betreuungs«-Kolumne abgekupfert hat (aber mit Quellenangabe), kann erst nächste Woche thematisiert werden.
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Aber das noch: Das Gottesteilchen ist gefunden! Religion und Physik haben es präsentiert, allerdings jeweils ihr eigenes. Beide sind vergleichsweise klein und nur im Verborgenen anzutreffen. Beide sind gefährdet – das der Physiker, weil nicht alle glauben, dass es wirklich existiert, das der Religion, weil ihr das Wegnehmen weggenommen werden soll. Was bleibt? Frei nach Brecht und Reich-Ranicki: Und so sehen wir betroffen, die Vorhaut zu und alle Fragen offen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle