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E(M)-Mail für mich

Mit Beiträgen unserer Leser schließen wir – jedenfalls im Rahmen der »Anstoß«-Kolumnen – die Fußball-EM endgültig ab. Die ungekürzten Mails und einige(s) andere mehr sind im Online-»Anstoß« nachzulesen (www.anstoss-gw.de, dort im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« sowie in der »Mailbox«).
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Konrad Bender (Ebsdorfergrund-Hachborn) macht sich »ernsthaft Sorgen. Wo ist Franz Beckenbauer? Jedenfalls war er nicht auf dem Bildschirm zu sehen. Auch vermisse ich seine ›Kommentare‹. Ist er eventuell ernsthaft krank oder schon bei Gazprom engagiert?« – Wie auch Marcel Reif tauchte Beckenbauer nicht auf dem öffentlich-rechtlichen Bildschirm auf, da er vertraglich an Sky gebunden ist. Bei Gazprom ist er als Sportbotschafter sowieso schon seit Mai anderweitig engagiert.
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Rainer Blach (Langgöns) klärt »mit einem Augenzwinkern« auf, »warum Deutschland gegen Italien verloren hat: Jogi Löw wurde bestochen!! Er hat sich vor dem Spiel mit den Bossen der Wettmafia getroffen und gesagt: ›Passt auf, ich mache die rechte Abwehrseite frei, da stürmt ihr hinein und schon seid ihr im Finale.‹ Genauso kam’s. Also Schluss mit allen anderen Erklärungsversuchen.«
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Jetzt aber geht’s ernsthaft ans Eingemachte: Thomas Hübner lernt die »taz« kennen. Unser Florstädter Leser ist zweimal per Bus in die Ukraine gereist, seine nachdenklichen und gut beobachteten Eindrücke der ersten Fahrt sind seit 13. Juni in der Online-»Mailbox« nachzulesen. Dann kam er mit einem »taz«-Journalisten ins Gespräch: »Ich erzähle von meinen durchweg positiven Eindrücken hier aus Lemberg und dass ich mich doch sehr über die negativen Berichte im Vorfeld über die Ukraine geärgert habe. Artig bedankt sich der Herr.« – Später liest Thomas Hübner im »taz«-Artikel, dass die deutschen Fans in der Ukraine, statt Gedenkstätten deutscher Gräueltaten zu besuchen, nur eines im Sinn haben: »Thomas Hübner (…) ist wie aufgedreht. »Das Nullfünfer-Bier kostet 1,25 Euro.‹ Da kann man zuschlagen, was viele deutsche Fans auch tun. Sie sind schon nachmittags schwer angeschlagen. An Ausflüge in die Vergangenheit ist nicht zu denken. Sie skandieren: ›Sieg!‹, ›Hurra, Hurra, die Deutschen sind da!‹ Sie leben nur im Hier und Jetzt, auf dem Rummelplatz des Fußballs.« – Thomas Hübner: »Ist das nicht herrlich? Zwei, drei Sachen aus meiner Erzählung rausgenommen und in einen ganz anderen Kontext gestellt. Schon hat der Autor aus mir einen kompletten Idioten gemacht. Und wie elegant er überleitet von deutschen Gräueltaten in Lemberg zum aktuellen Bierpreis in Lemberg. Hurra, Hurra, die taz war da! Fabelhaft. Und das findet jetzt jeder für alle Zeiten in den Untiefen des WWW. Was lerne ich daraus? Kritisiere niemals auch nur andeutungsweise einen Journalisten, auch wenn diese so gerne kritisieren und anscheinend die Moral für sich gepachtet haben.« – Unser Leser ist sehr negativ überrascht. Ich nicht. Gewisse berufsständische Illusionen habe ich schon lange verloren.
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Nach der Niederlage gegen Italien war die Party-Stimmung abrupt beendet. Michael Trendel (Staufenberg): »Die Teenies feiern eher sich selbst und kommen der Party willen zum Public Viewing, und manchem heulenden Girlie hätte man vorher sagen müssen, dass man so ein Spiel auch verlieren kann. Einem echten Fan ist das zuwider.« – Andreas Kautz (Nieder-Florstadt): »Autos und Häuser in Windeseile entflaggt. Die Fanmeilen sind leer, zumindest in Deutschland. Oder werden dort heute Aufzeichnungen von unseren spektakulären Platz-3-Spielen gegen Uruguay gezeigt? Bestimmt warten dort heute noch ein paar Faschingsfans und wundern sich, dass es kein kleines Finale gibt, das wir immer gewinnen. Ich hatte sowieso letzte Nacht einen Alptraum. Ich musste als 75-Jähriger in Schulen und Kindergärten als Zeitzeuge vom letzten deutschen Titelgewinn 1996 im Wembleystadion berichten. Ein Trost, ab heute gibt es wieder Männersport im TV. Die Zeit der Boygroups und Faschingsfans ist vorbei. Und was passiert? Tony Martin fährt durch eine Glasscherbe. Was hat man als Fan denn nur verbrochen?« – Tja. Und dann noch das Kahnbein gebrochen! Nicht zu fassen.
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Walther Roeber (Bad Nauheim) war während der EM in den USA: »Zeitungsmäßig wurden die EM-Halbfinals in den USA mit sieben Zeilen abgetan, vielleicht muss man einfach mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Die US-Trials für die Olympischen Spiele, Baseball und Miami Heat (deren Jubelfeier am vergangenen Montag ich ganz knapp vermeiden konnte) nahmen dort viel mehr Raum ein.«
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Heiko Sichau (Wettenberg) ärgert sich über »diese völlig übertriebene Häme, die hauptsächlich über den Trainer ausgekübelt wird. Vier Spiele ein Held und dann der Blödmann der Nation. Horst Köhler wäre schon zurückgetreten … Die Kritik ist einfach zu sehr ergebnisbezogen.«
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Der Schauspieler und Regisseur Christian Lugerth (Gießen), der unsere Kolumne schon oft bereichert hat, über Löws Verhalten in und nach dem Italien-Spiel: »Das fand ich auch das Bedenkliche, aber mich keineswegs Überraschende, wie Jogi Löw sich während des Spiels gegen die – plötzlich richtig sympathischen – Italiener so sichtbar von dem, was auf dem Rasen geschah, distanzierte, was in dem Umgang mit ›seiner‹ Mannschaft (›Dieses Team ist mein Baby!‹ Blabla!) nach der Niederlage gipfelte. Das merkt der Spieler, wenn der Trainer sein – süddeutsche Eigenschaft, die ich gut kenne – Beleidigtsein in alle Welt sendet. Dürfte ich mir beim Inszenieren nie erlauben, so zuzuschauen. Dann hätten die Schauspieler das Gefühl, jemand stiehlt sich aus der Verantwortung. Klopp geht schon anders mit Siegen und Niederlagen ›seiner‹ – hier hat dieses Wort seine Berechtigung – Mannschaft um. Ist dann halt bei seinen ›Jungs‹ auffem Platz. Ist angenehmer zu betrachten.«
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Schlusswort von Helmut Cichorius: »In den Halbfinals wurden zu Beginn von den Mannschaftskapitänen Statements zum Respekt gegenüber dem Nächsten verlesen, und der fehlt mir vor allem bei der gnadenlosen Abrechnung der sogenannten Boulevardpresse. Und zum Thema WM 2014: Ich hoffe auf eine Weiterentwicklung der Truppe, ist immerhin die jüngste (!) Turniermannschaft gewesen, und auch an Niederlagen kann man wachsen, und vielleicht macht dann die eine oder andere Veränderung im Mannschaftsgefüge den Unterschied (aber bitte keine ›Aggressive Leader‹ à la van Bommel). Also: als un als weiter!! Und: Endlich ist wieder Tour-Zeit! Ohne die selbstgerechten Kommentare überforderter Moderatoren und Ressortleiter der Öffentlich-Rechtlichen.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle