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Thomas Hübner lernt die taz kennen

Sonntagnachmittag in der Lemberger Innenstadt. Wir wollen jetzt so langsam Richtung Stadion, machen aber noch kurz Pause. Hier kommen wir ins Gespräch mit 2 Herren, ebenfalls aus Deutschland. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, daß die Beiden als Journalisten hier aus Lemberg berichten – TAZ und Wallstreet Journal Deutschland. Ich erzähle von meinen durchweg positiven Eindrücken hier aus Lemberg und daß ich mich doch sehr über die negativen Berichte im Vorfeld über die Ukraine geärgert habe. Ich erzähle, daß das auch bei bisher allen Fans, die ich hier gesprochen habe, so angekommen ist. In der Wetterauer sind die Reiseberichte von Alexander Elflein und Mareike Schwarz (Mit den Beiden haben wir uns in Lemberg am Samstag und Sonntag in Lemberg getroffen – sie erwähnen uns in ihrer Erzählung mehrfach) sowie von Sandro Beutnagel veröffentlicht. Auch dort ist die Verwunderung über das vorab gezeichnete negative Bild über die Ukraine groß. Dann schreibe ich dem TAZ-Journalisten noch THOMAS HÜBNER LEMBERG auf und sage, er kann sich ja mal meinen Bericht von unserer ersten Reise auf www.anstoss-gw.de ankucken. Im Spaß sage ich noch, daß ich gerne mal etwas für die TAZ schreiben würde, sollte es ihm gefallen. Artig bedankt sich der Herr, unsere Wege trennen sich. Gerad habe ich mir nochmal von meinem Vater bestätigen lassen, daß das alles ruhig und sachlich abgegangen ist und ich keinem der beiden Herren einen direkten Vorwurf gemacht habe.
Mein Eindruck: Der Herr von der TAZ denkt: »Wer hat denn dem Typen ins Hirn gesch…“, er wird mich schnell vergessen haben. Typischer Fall von Denkste. Folgenden Artikel finden Sie im Internet, wenn Sie im Google o.g. 3 Wörter eingeben:

Ostwärts Immer
Leben im Hier und Jetzt
Kolumne von Markus Völker
Matthias Stein sieht nicht aus wie ein Diplomat. Dennoch gehört er zum Personal einer Botschaft, der deutschen »Fanbotschaft«. Sie zieht während der EM durch die Spielorte der DFB-Elf: Lemberg, Charkow, am Freitag Danzig. Stein arbeitet normalerweise im Fanprojekt des FC Carl Zeiss Jena.
Als Botschafter muss er vor allem logistische Probleme der Fans lösen. Er ist Ombuds- und Kummerkastenmann in einem. In Charkow haben die lokalen Ausrichter etliche Fans abgezockt. Den Zeltplatz, den man eröffnen wollte, gab es gar nicht. Das Geld, das im Vorfeld kassiert wurde, war weg. Stein vermittelte Ersatz.
Er verteilt das EM-Fanzine Helmut und eine Broschüre, die sich »Denkanstoss!« nennt. Es werden Gedenkstätten in den EM-Spielorten vorgestellt, herausgegeben ist die Schrift von der DFB-Kulturstiftung Theo Zwanziger, dem Interkulturellen Rat in Deutschland und der Koordinierungsstelle für Fanprojekte (KOS). DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat ein Grußwort verfasst. Man müsse sich an die »unfassbaren Verbrechen« zwischen 1939 und 1945 erinnern, schreibt er.
In Charkow etwa lebten vor dem Zweiten Weltkrieg 130.000 Juden. Viele konnten fliehen, als die Wehrmacht im Oktober 1941 anrückte, aber das Sonderkommando 4a, eine Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes unter der Führung von Paul Blobel, brachte hunderte Juden in sogenannten Gaswagen um.
Am 14. Dezember 1941 wurden 15.000 Juden in eine Traktorenfabrik getrieben. Die meisten sollten in der Drobitzer Mulde (Drobizkij Jar) ihr Leben lassen. Reisende können heute eine »Wand der Trauer« am Ort des damaligen Ghettos besichtigen und das Denkmal von Drobitzkij Jar.
Das machen die wenigsten Fans, weil sie schon froh sind, wenn sie ohne größere Probleme zur Fanzone und zum Stadion kommen. Thomas Hübner ist zweimal mit dem Bus von Frankfurt am Main nach Lemberg gefahren und zurück, pro Strecke war er 22 Stunden unterwegs. Aber Hübner ist wie aufgedreht. Die Zeitungen hätten viel Mist geschrieben, sagt er.
Es sei auch nicht so teuer und toll organisiert das Ganze. Abzocke? »Nee, das Nullfünfer-Bier kostet 1,25 Euro.« Da kann man zuschlagen, was viele deutsche Fans auch tun. Sie sind schon nachmittags schwer angeschlagen. An Ausflüge in die Vergangenheit ist nicht zu denken. Sie skandieren: »Sieg!«, »Hurra, Hurra, die Deutschen sind da!« Sie leben nur im Hier und Jetzt, auf dem Rummelplatz des Fußballs.

Ist das nicht herrlich? 2 – 3 Sachen aus meiner Erzählung rausgenommen und in einen ganz anderen Kontext gestellt. Schon hat Herr Völker aus mir einen kompletten Idioten gemacht. Recht hat er. Und wie elegant er überleitet von deutschen Greueltaten in Lemberg zum aktuellen Bierpreis in Lemberg. Hurra, Hurra, die TAZ war da! Fabelhaft. Und das findet jetzt jeder für alle Zeiten in den Untiefen des WWW. Was lerne ich daraus? Kritisiere niemals auch nur andeutungsweise einen Journalisten, auch wenn diese so gerne kritisieren und anscheinend die Moral für sich gepachtet haben. Einen Vorteil hat die Sache. Sie, lieber GW, wissen jetzt, welch einfach gestrickten Leser Sie mit mir haben.
Weil ich gerade am Schreiben bin, noch folgender Gedanke zu den Ergebnissen der Viertelfinalspiele. Wenn man die Überlegenheit der Gruppe B und C über die Gruppe A und D Vertreter gesehen hat, fragt man sich schon, ob nicht 8 Teilnehmer bei der EURO ausreichend wären. Aber, hier bediene ich mich jetzt bei Ihnen, da die Ware Sport lange über den wahren Sport gesiegt hat, erhöht man mal eben so auf 24 Mannschaften. Schnell wird man merken, daß es für eine solche Anzahl keinen idealen Modus gibt. Dann wird man auf 32 Teams erhöhen. Bin mal gespannt, wie uns dann die Qualifikation erklärt wird. Hat aber den Vorteil, daß die Gefahr des Ausscheidens einer großen (zahlungskräftigen) Nation gegen Null gehen wird. Und irgendwann werden dann die USA und China teilnehmen. Schließlich muß doch das Produkt EURO zu einer globalen Marke ausgebaut werden!
Zum Schluß jetzt noch ein paar Worte zur Diskussion bezüglich des Elfmeterschießens in den K.O.-Spielen. Ich denke mich zu erinnern, daß vor einiger Zeit irgend ein hoher Funktionär (war’s Herr Blatter?) vorgeschlagen hat, das Elfmeterschießen vor dem Spiel auszutragen. Klingt zunächst befremdlich, hätte aber den Vorteil, daß im Spiel dann jeder weis, woran er ist. Würde allerdings den Charakter des dem Elfmeterschießen folgenden Spiels völlig verändern. Keine Ahnung, ob das jetzt besser / schlechter ist, als die gegenwärtige Regelung? Machen Sie weiter so!
(Thomas Hübner/Florstadt)

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