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Montagsthemen (vom 2. Juli)

Das Finale gestern? War schon unerreichbar, als am Donnerstag die Aufstellung bekannt wurde. Diesmal hatte sie kein Maulwurf verraten, und geglaubt hätte ihm sowieso niemand. Aus dieser EM nehmen wir zwei prägende Bauch-Vorausgefühle mit: Die jähe Vorfreude beim Sichten der Aufstellung gegen Griechenland und die lähmende Bangigkeit vor dem Italien-Spiel, die sich in einem spontanen Ausruf Luft machte: »Krooser Gott, hat ihm der Staatsratsvorsitzende die Aufstellung diktiert?!« Oder Merkel? Oder die Angst? Oder die Überheblichkeit? Als Matchplan war’s ein Matschplan.
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Nach dem Schlusspfiff erstarrte Löw, sein Kollege Prandelli musste sich die Gratulation eigenfüßig abholen, danach ließ der Bundestrainer seine buchstäblich am Boden zerstörten Spieler trostlos allein auf dem Platz zurück und verschwand in der Kabine. In der Niederlage haben andere schon mehr Größe gezeigt.
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Woran lag’s? Nach dem Hype, der fast schon ein gigantischer Flashmob war, hoppelt der Eventhopper zu anderen Party-Partys und hinterlässt seine Volksmeinung: Zu wenige Sänger, zu wenige Typen.
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Niemand muss stolz darauf sein, Deutscher zu sein. Aber zum Schämen gibt es ebenfalls wenig Grund. Nur zum Fremdschämen, wenn das dumpfe »Sieg« durchs Stadion schallt (nehmt euch ein Beispiel an den Iren!) oder wenn sich empört wird, dass der Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni seine deutsch-italienische Gemengelage auf sympathische Art mit einem Dante-Zitat kenntlich macht.
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Als die Italiener unisono aus voller Brust mitsangen und sich damit in Stimmung brachten, während die meisten Deutschen verstockt die Lippen zusammenpressten, konnte es ja gar nicht mehr gutgehen, oder? Dabei ist unsere Hymne, korrektstrophig gesungen, eine für Löws brave Bubis kongeniale Harmlosigkeitserklärung: »Einigkeit und Recht und Freiheit« – wer kann davor die Lippen verschließen?
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Und was schmettern die Italiener? »Lasst uns die Reihen schließen, wir sind bereit zum Tod!« Man stelle sich bloß vor, Deutsche sängen diesen Text! Behaupte bitte niemand, der migrantische Hintergrund verböte den Boatengs oder Podolskis das Mitsingen – siehe und höre Balotelli oder Montolivo. Ist aber leichter geschrieben als gegrölt, wenn man selbst grundsätzlich nicht singt, falls jemand zuhören könnte, also im Ernstfall ebenfalls Hymnenschweiger wäre.
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Nun zu den Typen: Prolls wie Balotelli oder Cassano hätte Löw gar nicht erst mitgenommen und falls doch schnell wieder nach Hause geschickt, wenn sie auf dem Platz gegen ihn ausfällig würden (Balotelli) oder schwulenfeindlich vor sich hin brabbelten (Cassano). Und wer hat dem deutschen Team gefehlt, da seiner Seele, dem unglücklichen Schweinsteiger, dieselbe im Laufe der Saison verdächtig outburnartig abhanden gekommen ist? Einer wie Kevin Prince Boateng, der schon früh als Outlaw abgestempelt und als nicht löwbubiwürdig aussortiert wurde. Jede Wette, dass er lieber für Deutschland als für Ghana spielen würde!
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Apropos Typen: Auch der Zehnkämpfer Behrenbruch gehört zu der schwierigen Sorte. Und dann erst Harting! Sie sind Europameister.
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Natürlich hätte Deutschland auch mit dem »Bösen« der Boatengs und ohne Kroos oder Podolski und mit elf Stimmen im Hymnenchor gegen die gewitzten, cleveren und tollen Fußball spielenden Italiener verlieren können, gegen Spanien ebenfalls. Auch sind die genannten »Typen« nicht nur nicht jedermanns und -fraus Geschmack, sondern auch nicht der des hier Schreibenden. Doch wer den finalen Erfolg im Fußball will, benötigt laut Hegel neben der These (Löws liebe Bubis sind im Prinzip die Besten) auch die Negation dazu, die Antithese (Balotelli & Co.), die dadurch positiv wirkt und zur Synthese führt, der höheren Ebene des Fußball-Seins, auf der man in Endspiele kommt und diese auch gewinnt.
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Und nun? Leichtathletik, die Tour, Wimbledon, Olympia, danach Klopp-Fußball (bitte auch in der Champions League!) – weg mit der Trauer, her mit dem Sport!  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle