Archiv für Juli 2012

Anstoß vom 1. August (Britta und die Fahrradkette)

Erhebender Moment bei der ersten »deutschen« Siegerehrung: Aufs Podium gerufen wird Britta Heide … »mään«. Und wieder haben wir unseren Vorsprung als ewige Goldmedaillengewinner im olympischen Ausspracheverrenkungswettbewerb (siehe »OlympiABC«) vergrößert. Weil die anderen nicht  teilnehmen.
*
Kurz vor dem Heidemann-Silber holte Matthew Grevers Gold über 100 m Rücken. Man stelle sich bloß vor, Olympia fände in Deutschland statt und der Sprecher ruft ihn als »Mad-hef Kre-fers« aufs Podium. Der arme Kerl würde als tumber teutscher Tor sofort seines Postens enthoben.
*
Heute Zeitfahren.  Wir vertreiben uns die Zeit des Wartens auf Tony Martin mit einem sportartspezifischen Problem: Warum ist die Fahrradkette immer rechts? Einmal schon, vor Jahren, glaubte ich, die Lösung zu kennen, denn in einer »Rätsel des Alltags«-Rubrik der Süddeutschen Zeitung las ich sinngemäß: Die Fahrradkette ist rechts, weil die Kette aus England kommt, wo des Linksverkehrs wegen von links auf das Rad gestiegen werden musste und die Kette daher rechts angebracht wurde, damit man sich nicht verhedderte oder beschmutzte.
*
Damit gab ich mich zufrieden, obwohl: Ich verheddere und beschmutze mich auch an der rechten Fahrradkette. In der Vorbereitung auf die Olympia-Kolumne recherchierte ich daher äußerst investigativ im Internet und fand andere Erklärungsversuche. Zum Beispiel: Links würde die Kette stören, weil die meisten Menschen von der linken Seite aus aufsteigen. Überzeugt mich logisch aber auch nicht – vielleicht steigt man nur darum von links aufs Rad, weil rechts die Kette ist.
*
Noch ein Versuch: Die meisten Menschen sind Rechtshänder, deshalb steigen sie von links auf und schieben das Rad mit der rechten Hand von der linken Seite … och nöh, das klingt aber sehr überzwerch!
*
Aber hier, jetzt hab ich’s: Die Kette rechts ist eine Tradition, die vom Reiten kommt. Auch Pferde werden von links bestiegen, weil früher der Säbel – nein, lieber der Degen, denn damit schließt sich der Kreis zu Britta – an der linken Körperseite hing. Das überzeugt mich!
*
Ebenfalls bei der Fahrradketten-Recherche gefunden: Ein böser, böser Satz vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts über »gewisse« Journalisten: »Die kennen den Vornamen meines Schäferhundes, obwohl ich keinen habe, können aber die Viererkette nicht von einer Fahrradkette unterscheiden.«
*
Ich kann’s: Bei einer Viererkette ist der »Sechser« nicht weit, bei einer Fahrradkette der »Achter«. (gw)

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2012 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert

Mit weiteren Worten (vom 31. Juli)

Bei den vergangenen Spielen hatten Sie auch hohe Ziele. (…) Warum sollte es ausgerechnet im reifen Alter klappen? – »Warum soll es nicht klappen, wenn es bisher nicht geklappt hat?« (interessante Logik des Einer-Ruderers Marcel Hacker im Welt-Interview)
*

War Doping zu Ihrer aktiven Zeit ein Thema? – »Wenn damals bei den Schwimmern gedopt wurde, dann nicht offensichtlich. Schauen Sie sich doch die Fotos von damals an – ich könnte der erste Magersüchtige sein, der jemals Gold geholt hat.« (Mark Spitz im Bild-am-Sonntag-Interview / In der Tat sieht Spitz auf dem berühmten alten Foto mit sieben Goldmedaillen um den Hals gegenüber heutigen Schwimmern wie ein Hänfling ohne sichtbare Muskulatur aus; interessant aber auch, dass er die eigentliche Frage damit gar nicht beantwortet)
Müsste Romney nicht in den USA, sondern in Großbritannien antreten, erhielte er ziemlich genau null Prozent der Stimmen. Man hält ihn hier für dümmer als Sarah Palin. (Süddeutsche Zeitung über den US-Präsidentschaftskandidaten, der sich bei seiner Ankunft in London mit der Bemerkung, die Vorbereitungen der Gastgeber seien »nicht ermutigend« verlaufen, nicht unbedingt beliebt gemacht hat)
*
»Alle profitieren. Die Autos vieler Menschen hier sind durch den Nürburgring finanziert, weil die Bürger am Wochenende bei Motorsportveranstaltungen für zehn Euro die Stunde aushelfen« (Kai Richter, einer der beiden Pächter des Nürburgrings, im Zeit-Interview, jede Schuld an der Pleite von sich weisend. Mit dieser Bemerkung, ersichtlich nicht als Witz gemeint, neuer Spitzenreiter in der Rangliste abgehoben-abgedrehter Realsatire. Zur Strafe müsste Richter sein nächstes Auto auf die gleiche Weise finanzieren. Er würde viele Jahre länger darauf warten als  Bürger der DDR auf einen Trabi)
*
»Mein Ziel war, wieder mit dem Kicker zu reden.« (Gerald Asamoah, man glaubt sein breites Grinsen zu sehen, über die Motivation für sein Comeback. Ach ja: im Kicker)
*
Hier sticht Käpt’n Feigling wieder in See … und macht, was er am besten kann: von Bord gehen. (BamS-Text zu Fotos von Costa-Concordia-Kapitän Francesco Schettino, der sich per Bauchplatscher von einer Yacht ins Wasser lässt / Respektvolle Verneigung, Kollege Bildtexter!)
*
Jetzt lesen Millionen von Frauen »Shades of Grey«, wollen die wirklich verhauen werden? (Spiegel, ohne weitere Worte) (gw)

Veröffentlicht von gw am 30. Juli 2012 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert

Sonntag, 29. Juli, 11.30 Uhr.

Wusste nicht, dass Kollege “htr” die erste Seite schon layoutet hat.  Erste Fassung der Montagsthemen ist  fertig, ich gucke mal auf die Seiten für morgen, sehe das Layout, beame probehalber die erste Fassung der Montagsthemen rüber – und siehe da, sie ist erstmals seit Menschengedenken deutlich kürzer statt bis zu doppelt so lang wie geplant. Schön, da schreib ich halt schnell noch was zu “Rot über die Ampel” und muss nicht noch stundenlang knipsen und knappsen, klicke ein kleines Olympiaemblem rein, und schon passt der Text zeilengenau in den Rahmen. Voila, steht online. Aber ab sofort gilt mein Vorhaben der Selbstbesch(n)eidung!

Für das Blog-Archiv (gw-Beiträge Anstoß, Link rechts) gilt das Recht der ersten Fassung. Noch haben meine beiden persönlichen Kontrollinstanzen den Text nicht abgenommen. Ob und wie sie ihn durchgehen lassen, merkt der frühe Leser, wenn er später noch mal nachschaut (so provoziert man Klicks!)

“Kid Klappergass” hat gemailt, guter Anlass, wieder einmal seinen Blog zu empfehlen. Was er in seinen aktuellen Notizen schreibt, entspricht fast deckungsgleich meinen Empfindungen in Sachen Inui und Idrissou.

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2012 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert

Montagsthemen (vom 30. Juli)

Es gibt nicht nur den Fluch, sondern auch den Segen des Zeitungsmachens in digitalen Ex- und Hopp-Zeiten: Was am späten Abend des Freitags die Welt faszinierte, spielt am frühen Morgen des Montags keine Rolle mehr. Wie schön für einen, dem leider das Erfreuungs-Gen an bombastischer Massenchoreographie fehlt.
*
Leider, wirklich leider, denn allen anderen hat die Sache richtig gut gefallen. Selbst: Nur pflichtgemäß kurz reingeguckt, einen englischen Sekunden-Oldiemix erlebt und – déjà vu!? – zusammengezuckt und ausgeschaltet, als ein paar Stelzenfedermänner auf und ab hüpften: Die werden jetzt doch hoffentlich nicht über Autos . . .
*
Dann begann das große olympische Allerlei, immer wieder faszinierend und eine verdiente öffentliche Anerkennung von Sportarten, die sonst im Verborgenen blühen. Ein fast Blinder schießt Bogen-Weltrekord, eine Judoka scheidet im Würgegriff ohnmächtig fast dahin und holt dennoch Bronze – nur zwei Geschichten, von denen Olympia noch viele schreiben wird.
*
Und ein verfemter Kasache gewinnt Rad-Gold. Das ist doch …. ja, das ist es, aber wir wollen an dieser Stelle ausgelatschte Wege vermeiden, spekulieren nicht, welche Wino-Kur dieser -ow gemacht haben könnte, sondern streunen über eigene Pfade und interessieren uns für die kasachische Hymne. Die bei der Sportschützen-WM gespielte beginnt so: »Kasachstan größtes Land der Welt, alle anderen Länder von kleinen Mädchen regiert«. In London hörte man »Mening elim, mening elim, / Güling bolyn egilemin«, was in unserer – hier schreibt ein Wikipedia-gelehrter Experte – Übersetzung heißt: »Oh du mein Land, oh du mein Land / Ich bin die von dir gezogene Blume.« Eine der beiden gespielten Hymnen stammt aus dem weltweit beachteten Ethnodokumentarfilm »Borat«. Nur welche?
*
Hymnenverwechslung à la Borat oder Nordsüdkorea konnte Deutschland am ersten Tag nicht widerfahren. Erneut erwies sich »Bild« als zuverlässigstes Orakel, für dessen Treffergenauigkeit sich sämtliche Pauls der Krakenwelt ein paar ihrer zehn Tentakel ausreißen würden. Man muss nur stets den Umkehrschluss beachten: Je mehr »Bild« tönt, desto größer der Reinfall. Siehe Fußball-EM, siehe Samstags-Schlagzeile: »Wer holt heute unser 1. Gold?« Zur Auswahl stellte »Bild« Beate Gauß, Paul Biedermann, Britta Steffen und Andre Greipel. Die Schützin wurde 32., Greipel gewann den Spurt um Platz soundsoweithinten, und die beiden Schwimm-Asse … vergessen wir’s, wer den Schaden hat, wird bei uns nicht auch noch verspottet.
*
Aber vielleicht sollte »Bild« in Sorge um unser Medaillenbild seine Methode überdenken und statt groß zu tönen britisches Understatement betreiben. Es gab doch mal die legendäre »Bild«-Schlagzeile nach einem Schwimm-Desaster: »Hurra, niemand ertrunken!« Jetzt vorab ein banges »Hoffentlich ertrinken sie nicht«, und nach neuem Orakel-Gesetz klingelt es golden im Medaillenspiegelkasten.
*
Bei uns klingelte es in der Mailbox. Anlass: Die Überschrift zum Interview mit einem London-Experten, der dem Klischee vom geduldig Schlange stehenden Engländer widersprach. »Auf jeden Fall bei Rot über die Ampel gehen.« Klar, nicht sehr vorbildlich. Die Kinder! Als mich unser Sportchef »ra« über die Proteste informierte, las ich gerade in der »SZ« ein Interview mit Ole van Beust, der sich nach dem Ausstieg aus der Politik über einige Vorteile freut. Einen packte die »SZ« in die Überschrift: »Ich kann wieder bei Rot über die Ampel gehen.« Tst, tst!
*
Ach so, ja: In etwa zeitgleich mit dem schönen Friedensfreudenfest in London scheiterte bei den Vereinten Nationen in New York ein Abkommen zur Kontrolle des weltweiten Waffenhandels, mangels Aussicht auf Konsens. Aber auch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Olympia eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2012 .
Abgelegt unter: gw-Beiträge Anstoß | Kommentare deaktiviert

Sonntag, 29. Juli, 6.35 Uhr.

Draußen dämmrig, diesig, nieselregnerisch, kühl (so stellt man sich Olympiasommer in London vor), drinnen, in der Redaktion, stockt noch die Hitze der letzten Tage. Alles ist in den Ferien, in den bevorzugten Blogs von Wolfgang Herrndorf bis Jan Seghers gähnt die Leere, auch ich lasse frequenzmäßig nach, den Lesern nacheifernd oder nachbaumelnlassend, die ihre Mailfrequenz ebenfalls auf Ferienmodus gestellt haben. Nur die Zeitungskolumne läuft und läuft. So soll es und muss es auch sein, Endlosschleife, so lange der Leser und noch so ein gewisser HERR es will.

Für die Montagsthemen häufen sich die Notizen zu einem Zettelberg: Eröffnungsfeier und Waffenhandel / Nürburgring-Zitat in der Zeit / Occean statt Idrissou / das große Warten auf die Leichtathletik / Fahrradkette / Stadionrunde /Schweiß / Coe-Ovett / Kasachstan, Wino und Borat / Ole von Beust und die rote Ampel / Breno und der Maurer / Rammstein / Bild als neues deutsches Mies-Orakel usw. usw. Der Berg wächst, die Kolumne wird kleiner, denn während Olympia soll sie nicht ausufern (Eigenbefehl), um die Relation zum Ereignis zu wahren. Zwei Wochen lang soll sie im kleineren Rahmen als üblich Anstöße am Rande liefern, möglichst ausschließlich mit Themen und Themchen, die anderswo nicht oder ganz anders auftauchen, nicht olympiamonothematisch und immer auf eigenem Pfad.

Gestern im Auto kurz HR-Infokanal gehört. Zu Gast war der SPD-Politiker Gerhard Merz, zumindest früher ein aufmerksamer Leser meiner Kolumnen (und heute?). Merz, das war das HR-Thema,  hat auch einen Zettelberg: Er sammelt blöde, überflüssige, ungetümige,  floskelige und verhaspelte Sätze aus Reden seiner Kollegen, Presseerklärungen und ähnlichem. Die Fahrt war zu kurz, um alles mitzukriegen. Sammelt Gerhard Merz auch Journalisten-Binsen und -Hülsen und -floskeln  (wobei Binse auch schon eine floskelige Hülse und dies hier auch noch mehrfach gemoppelt ist)? Der SPD-Mann (intern, sagt man, sehr einflussreich auf Hessen-Ebene) scheint jedenfalls eine Eigenschaft zu besitzen, die man jedem Politiker wünscht: Beim Aufspießen der Fehlleistungen anderer immer im Hinter- und Vorderkopf zu haben, bei sich selbst auch ganz schön viel aufspießen zu können. Das schwebt auch immer über und in dem, was ich schreibe. Zum Beispiel in den nächsten Sonntagmorgenminuten bis -Stunden für die Montagsthemen, die um so mehr Zeit in Anspruch nehmen, desto weniger Zeilen sie haben sollen. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2012 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert

Baumhausbeichte - Novelle