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Mit weiteren Worten (vom 19. Juni)

Bei der Zusammenstellung der Kolumne »Ohne weitere Worte«, die heute ausnahmsweise mit weiteren EM-Worten bestückt ist, verbietet mir der Ehrgeiz, Zitate aufzunehmen, die schon allseits bekannt sind. Zum Beispiel »Egoland – Legoland 0:1« (nach der holländischen Niederlage gegen Dänemark) oder der herrliche Spruch, den irische Fans auf dem Weg zur EM hochhielten: »Angela Merkel thinks we’re at work.« Natürlich reizte es mich dennoch, auch diese beiden aus meiner Sicht plakativsten und witzigsten Sprüche der EM zu zitieren, doch blieb und bleibe ich bei der Tradition, in eher abseitigen und unbekannten Gegenden zu suchen, meist in längeren Interviews und gerne auch außerhalb des Sports. Wichtig dabei: Die gefundenen Bruchstücke sollen nicht aus dem Zusammenhang gerissen wirken, sondern ihn unterstreichen. Auf geht’s.
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Oliver Kahn twittert. Allerdings nur mit Hilfe der ZDF-Cheftwitterin Jeannine Michaelsen – Kahn diktiert, sie schreibt. Die Premiere live im ZDF, protokolliert im »Teledialog« der FAS: M.: »Was schreiben wir denn?« – K.: »Der erste Tweet, der soll heißen, ist doch eigentlich ganz klar: ›Wir werden Europameister.‹« – M.: »Nein!« – K.: »Drei Ausrufezeichen.« – M.: »Nein, wie platt ist das denn. Ich würde mal sagen, da hat er sich an Kreativität nicht übertroffen.« – K.: »Drei Ausrufezeichen!«
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Mario Gomez hat Post bekommen – »Post von Wagner« in der Bild-Zeitung. Franz-Josef Wagner, schlafwandlerisch sicher zwischen Dada, Gaga und seinem Ruf als »Gassen-Goethe« irrlichternd, über Gomez’ Traumtor gegen Holland: »Er drehte sich um sich selbst, als hätte er Ballett-Schuhe an und Hüften aus biegsamem Bambus. (…) Für mich hat Gomez zwei Seelen. Er ist wie ein Pferd, das glaubt, ein Vogel zu sein. Beim Holland-Spiel haben wir den Vogel Gomez kennengelernt. Ein Pferd, das fliegen kann, einen Stuhl, der tanzen kann.« Und wer ihn noch nicht kannte, hat nun den schrägen Vogel Wagner kennengelernt.
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Leiser Kontrapunkt im »Streiflicht« der Süddeutschen Zeitung zum selben Tor: Gomez »drehte sich in einer Weise, als wolle er der Analyse Scholls recht geben, dass er im Strafraum hin und wieder gewendet werden müsse und dies notfalls auch selbst tue.« Sehr hübsch auch: »Mario Gomez (…) ist ein hochgewachsener Schwabe, auch wenn die Kombination von Vor- und Nachname eher darauf hindeutet, dass ihn ein Spanier mit einer Frau aus Cottbus gezeugt haben könnte.«
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Apropos Mehmet Scholl. Die Welt wirft ihn in einen Topf mit anderen und holt – in ihrem Kultur-Teil! – zum Rundumschlag aus: »Die Liste der Zumutungen wird von Spieltag zu Spieltag länger, vom nervigen und hassenswert gemütsschlichten Spot für die ›Respect«-Kampagne der Uefa über Mehmet Scholls unerträgliche Besserwisserei mit den ständigen Erinnerungen an die eigene, nun ja, mittelgroße Ära, die peinlich anbiedernden Interview-Imitationen von Michael Steinbrecher und die in praktisch jedem Fall vollkommen sinnlosen Statistiken, mit denen die Reporter ihre mangelnden Analysefähigkeiten tarnen.« In jedem Fall findet hier jeder zumindest etwas, dem er zustimmen kann, aber niemand alles, oder?
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Interview-Dialog in der SZ mit Spaniens Trainer Vicente del Bosque: »Ich habe Fehler.« – Welche? – »Die Leute bringen mir viel Zuneigung entgegen, dabei bin ich nicht mal sonderlich sympathisch.« – Sie kokettieren. – »Nein, ich finde mich eher widerspenstig, trocken, schneidend.« – Nach allem, was man von Del Bosque zu wissen glaubt, kokettiert er wirklich nicht, und das macht ihn sonderlich sympathisch.
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Nicht sonderlich sympathisch für den jeweiligen Gegner ist die griechische Variante des Fußballs. »Wer nur eine Art von Fußball kennt, muss sich wenigstens nicht von Taktikfragen verwirren lassen«, schreibt die FAZ quasi in hochachtungsvoller Geringschätzung. »Die Sparsamkeit, die ihnen finanziell schwerfällt, pflegten die Griechen fußballerisch schon immer – die Kunst, aus wenig viel zu machen.«
Wovor haben wir nun mehr Angst: Vor der griechischen Kunst, in der Fußball-Euro aus wenig viel zu machen, oder vor ihrem großen Können, aus unseren vielen Euro … ab sofort heißt es in dieser Kolumne wieder ausnahmslos: Ohne weitere Worte. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle