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Sonntag, 17. Juni, 6.25 Uhr

Zwischen Traum und Tag drängt sich eine Idee in den müden Kopf. Ein Hammer-Gag für die Kolumne! Schlagartig wach. Schnell aufschreiben? Blick auf die Uhr. Halb fünf. Ooch, später. Umdrehen, dösend den Gag genießen. Eingeschlafen. Aufgewacht. Gag weg. Nur noch das Wissen da, einen Hammer-Gag gehabt zu haben. Oder nur geträumt, einen Hammer-Gag gehabt und vergessen zu haben?

Immer, wenn ich an der früher Blitze schleudernden Skulptur vorbeikomme, drängt sich der gleiche Drang in den Gasfuß wie früher in die vorwitzige Kinderhand, die unbedingt testen musste, ob wirklich Strom im Weidezaun fließt. Ich bin sicher, die Skulptur ist mittlerweile eine leere Hülle, deren Bedeutung nur noch im Kopf des Betrachters existiert. Moderne Kunst eben. Außenstelle der Documenta. Zwar ruft das vorwitzige Kind in mir: Da ist ja gar nichts dran und drin! Aber der alte Geizhals testet es nicht aus, mit knapp 70 den wahrscheinlich nicht existenten Blitzer zu provozieren. Kostet doch nur 15 Euro! 

Nur? Für 15 Euro krieg ich bei meinem Griechen einen Teller Dolmadakia, einen Schmortopf überbackene Zuchini, eine Portion Zatsiki, ein Glas Retsina und einen Ouzu für lau vorneweg, und oft danach noch einen Retsina aufs Haus (ja, wirklich, so preiswert ist’s bei Mimi und Dimi!).

Noch. Wenn alles programmgemäß läuft, Deutschland also nicht verliert, kommt es zum Hammer-Gag-Viertelfinale. Selbst bei der EM beweisen die Griechen, die vor dem letzten Tag die schlechteste Ausgangsposition und so gut wie keine Chance hatten, mein Mantra: Niemand spielt mit schlechten Karten besser als sie. Spezialisten im Ramsch. Und wenn kein Ramsch angesagt ist, gewinnen sie eben Nullouvert  mit (offener) Hand.

Ein langer Tag im Startblock hat begonnen. Montagsthemen gibt es erst ab elf, nur ein paar Füller (Modus) werden vorab geschrieben, falls nach dem Schlusspfiff der Schreibmuskel zumacht und nur noch zittrig “Sieg” oder “Draußen” krampft.

Erster Blick auf die letzten Meldungen der Nacht: “Campino wird 50″  –  ”Hannes Wader wird 70″ – “Paul McCartney wird 70″ – “Experte warnt vor Sucht im Alter”.

Beste Vorbeugung, siehe Campino, Wader und McCartney: Sucht in der Jugend. Die macht gefeit gegen Alterssucht. Aber nicht gegen die Sucht, jung bleiben zu wollen. Jung bleibt, wer gar nicht daran denkt, jung bleiben zu wollen. Obladi, oblada, life goes on.

Hannes Wader? Kennen Sie nicht? Mensch, müssen Sie jung sein! In seinem schönsten Lied (»Ich hatte mir noch so viel vorgenommen”) klampft und singt der Alt-Liedermacher  auch von dem armen Exhibitionisten, der im Bett liegt und sich schämt – denn nachdem er sich einigen »Kindern in schamverletzender Weise« genähert hatte, liefen die Knilche johlend auf ihn zu und »riefen, er solle sich mit seinem blaugeäderten Unding wegscheren«. Übrigens nicht die schlechteste Methode, diesen Typen das, äh, Handwerk zu legen.

Baumhausbeichte - Novelle