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Sport-Stammtisch (vom 16. Juni)

Wie Löw in der 22. Minute dem ukrainischen Jungen den Ball wegschubst! Ein Scherz während des Spiels! Tags darauf überschlagen sich die Kommentatoren über so viel Witz, Coolness und Relaxtheit. Typisch für den Bundestrainer, rühmen sie unisono.
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Mal davon abgesehen, dass ich es überhaupt nicht witzig, cool und relaxed fände, sondern verstörend seltsam, wenn Löw während der Partie solchen Schabernack mit dem verdutzten Balljungen triebe – aber er tat es gar nicht in der 22. Minute, sondern eine knappe halbe Stunde vor dem Spiel beim Aufwärmen. Es war also nur eine angenehm alberne Aktion mit spitzbübischem Humor, nicht weiter erwähnens- oder gar sendenswert. Doch die Szene wurde eingeblendet, als ob sie live sei, und ging so auch um die Welt, mit hunderttausenden Klicks bei youtube und etwa ebenso vielen Zeilen in der deutschen Presse. Nahrung für meine Kultur- und Medienskepsis. Wie viel Fake steckt in dem, was wir täglich sehen, hören und lesen? Hat Deutschland überhaupt gegen Holland gewonnen? Trifft Mario Gomez wirklich, wie er will? Existiert Angela Merkel?
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Das ZDF trug keine Schuld, denn die UEFA steuert und bestimmt, was gezeigt wird. Aber ein Studio in einem Rentnerparadies an der deutschen Ostseeküste aufzubauen, ist Marke Eigenbau. Warum nicht gleich nach Bad Salzschlirf? Oder ganz zu Hause bleiben, im ZDF-Fernsehgarten?
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»Manchmal scheint es so, vor allem, wenn Deutschland spielt, als verbildzeitunge das ganze Land.« Ein Satz, den man viel lieber selbst geschrieben hätte, aber das Copyright gehört leider der Süddeutschen Zeitung.
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Täuscht der Eindruck, dass unter all den Autos, die mit beidseitig aufgepflanzten Deutschlandfähnchen unterwegs sind, die Hausfrauenpanzer überproportional vertreten sind, in denen Mutti morgens die Kinder zur Kita fährt?
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In all dem nervenden Überschwang verkündet der Bundesinnenminister, nach der Vorrunde zu allen deutschen Spielen zu kommen. Das ist eine politische Stellungnahme wegen der Ukraine und eine sportliche Großkotzigkeit wegen Dänemark. Wie angenehm, dass es noch Griesgrame gibt wie Heribert Bruchhagen, der in der Bildzeitung total unverbilzeitungt grummelt: »Ich sehe überall nur Party. Fußball wird immer mehr zum Event, und das bedauere ich sehr.«
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Auch das Gequake um Gomez gehört zu den störenden Nebengeräuschen. Er ist wie Klose ein Weltklassestürmer, darf aber nicht so viel laufen wie Klose laufen muss, um erfolgreich zu sein. Der Rest ist Glücksache. Binsenweisheit. Punkt (mehr dazu online im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« in einem Mail-Dialog mit Schauspieler und Regisseur Christian Lugerth).
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Eine sehr sympathische Gemeinsamkeit von Gomez und Klose (neben einigen anderen, beide sind zum Knuddeln angenehme Typen): der tattoofreie Körper. Denn bei anderen hat der vollprolltätowierte Unterarm die Vokuhila-Frisur früherer Jahre als Erkennungszeichen abgelöst.
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Ja, klar, es gibt noch andere Themen als die Fußball-EM. Ob die USA mit dem smarten Multimillionär Armstrong nun wirklich genauso umspringt wie Deutschland mit einem seiner größten und dem verfemtesten Sportler aller Zeiten? Und was ist da mit Erfurt los: Wada, Nada, alles Dada? Oder die Griechen, für die es an diesem Wochenende nicht nur bei der EM ums Drinbleiben geht. Wussten Sie, dass Auslandsgriechen nicht per Brief wählen dürfen, sondern heimreisen müssten, um ihre Stimme abgeben zu können, wodurch viele Stimmen der Vernunft fehlen?
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Aber jetzt geht es um die EM und nichts als die EM, und zu den wichtigsten Themen gehören natürlich »Deutschlands schöne Glücksbringer« (Welt), die Spielerfrauen. Und da lese ich, dass »mancher Mund sperrangelweit offen« stand, als Khediras Model-Freundin »Lena vorbeierstöckelte«. Erst stutzte ich, dann fiel mir mein Freudscher Verleser auf – ich bin halt auch schon völlig verbildzeitungt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle