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Christian Lugerth über “Fußballdoitschland”

Schon ein bisserl seltsam, unser Doitschland, wenn die Kugel rollt.
Da hat einer sein Gehirn nicht eingeschaltet und aus urdoitscher, unreflektierter Ursuppe heraus rutscht ihm ein Stahlhelm ins Mikrophon. Das wird bemerkt. Und kommentiert. Und alle rufen: Der Hansi ist ein ganz Lieber einer, laßt ihn doch. Selbstredend, aber Gedankenlosigkeit und mentale Fahrlässigkeit ein paar Kilometer vor den Toren von Danzig? Nein. Herr Flick entschuldigt sich. Gut so.
Tage später: ein Stürmer und seine Kollegen stolpern orientierungslos über die Lemberger Wiese (Hummels, Khedira und Boateng mal ausgenommen), dann fällt ein Tor. Schön. Glück. Der Co – Kommentator beschreibt das alles – und gemeinerweise mit einem liebevoll bösartigen Vergleich. Und alle im Medienchor: Böser, böser Scholli, guck mal wie Mario uns glücklich gemacht hat. Ich glaube der Gomez sollte sich beim Mehmet für den Arschtritt bedanken. Er ist gegen die Holländer unglaubliche 4 Kilometer mehr gelaufen als gegen Portugal. Geht doch. Wobei seine 8,7 Kilometer gegen die Niederländer von jeden Dortmunder (Schnitt 11 Kilometer etwa auch gegen – sagen wir mal – Werder Bremen oder Kaiserslautern) lockerst getoppt werden. Mehmet Scholl entschuldigt sich nicht. Richtig.
Wie oft saß ich als Regisseur schon fassungslos vor der Bühne und sah zu, wie Schauspieler versuchten eine Probe auf der halben Arschbacke zu absolvieren. Möchte nicht wissen, ob meine Wortwahl da immer political correct war.
Whatever, Fußballdoitschland ist ein sensibles Pflänzchen und hat mit einer ordentlichen Kritikkultur leider nicht mehr viel am Hut. Weil wir endlich wieder wer sein wollen, nicht mehr rumpeln, sondern Spanien. Sind wir nicht. Özil hin und her, Ribbeck bleibt unvergessen! Und das ist der Schatten auf der doitschen Seele. Und die Stahlhelme. (Christian Lugerth)

Wie schön, dass wir über Fußball so viele Meinungen haben können. Ich meine: Natürlich hast Du recht. Natürlich hast Du nicht recht. Gomez (ich finde übrigens, ein guter Typ, für sein Schönling-Image kann er nur ein bisschen) soll gar nicht so viel laufen, im Gegensatz zu Klose. Und Scholli hab ich doch auch so lieb, aber als ARD-”Experte” merkt man ihm an, dass er nie ein guter Trainer werden wird. Beim Stahlhelm bist Du, meine ich, überempfindlich (ich hab’s natürlich auch bei Archibald gelesen), aber lieber überempfindlich als ein Klotz. Schönes anderes Beispiel: Ich nehme an, dass wir über Klopp ähnlich positiv denken, trotz manchmal leichter Irritationen in Gestik und Wortwahl. Aber was unser Freund Matthias über ihn in seiner Geisterbahn geschrieben hat, finde ich überstahlhelmartig überempfindlich und unangemessen. Ich hab mich sogar richtig geärgert.
Um wieder auf ein Gleis zu kommen: Dass unser Innenminister angekündigt hat, nach der Vorrunde zu den deutschen Spielen zu kommen, ist vor dem Dänen-Spiel eine sehr unangenehm deutsche Überheblichkeit. Dass er es selbst wahrscheinlich nicht einmal gemerkt hat, ist zudem bezeichnend. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle