Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Thomas Hübners Lemberger Reiseerzählung

Gurren GW,

 habe gestern Abend erst den Montagskicker gelesen und bin dabei auf die weinerlichen Erlebnisberichte der Redakteure vor Ort gestoßen (provisorische Parkplätze, Volunteers können nur schlecht englisch, kein Beschilderung, etc. – Was hält die Leute eigentlich davon ab, ein Paar Worte russisch zu lernen? Zeit war dafür ja lange genug. Macht keiner? Doch: Ich – Vor der WM 1998 in Frankreich ein Lehrbuch von Langenscheidt erworben. Klar, würde ich heute auch nicht mehr machen, bin ja jetzt immerhin amtierender Sommermärchenweltmeister. Da müssen sich die Anderen schon nach uns richten!). Da habe ich mir gedacht, da schreibst Du dem GW auch ein Paar Zeilen. Das müßen Sie jetzt aushalten, bedanken können Sie sich bei o.g. Kollegen.

Und los geht’s!

 Dobryj Ranok Gaspodin Steines

 Nach 22-stündiger Anreise und 23-stündiger Abreise vorgestern Früh aus Lemberg, Ukraine zurückgekommen. Nachfolgend ein Erlebnisbericht. Dabei immer darauf geachtet, wer uns wie in die Suppe spuckt. Schließlich sind wir nicht nur die größten der Welt, sondern auch noch amtierender Sommermärchenweltmeister aller Herzen. Da muß man uns schon alles Recht machen!

 Die Anreise bringt 2 Erkenntnisse. Zum letzten Mal vor ca. 8 Jahren diese Strecke mit dem Bus gefahren und gerade in Polen hat sich unglaublich viel getan. Rechts und links der Strecke viele neue oder neu renovierte Häuser, kein Vergleich mehr zu früher. Da scheint jemand mächtig auf der Überholspur zu sein. Erkenntnis Nr. 2: Es gibt tatsächlich Menschen, ich gehöre bei Weitem nicht dazu (leider? / zum Glück?), die können 22 Stunden am Stück Bier trinken und sich hinterher noch zielgerichtet bewegen und sich verständlich machen. Wenn auch beides auf flachestem Niveau. Hut ab!

 Untergebracht sind wir in der Universität Lemberg. Typischer Sowjetbau aus den 70ern von nicht allzu guter Qualität. Typisch für viele Gebäude in der Ukraine. Ich kenne das aus der Ukraine, die EM ist in der Ukraine, deshalb sind wir hier in der Ukraine, so ist das für mich nicht weiter verwunderlich. Aber – siehe oben – wir suchen ja das Haar in der Suppe, die heißt hier allerdings Borschtsch. Meine Mitfahrer waren noch nie hier, sie stört das allerdings wenig. Während der 2 Übernachtungen hier sind wir ohnehin maximal 2 – 3 Stunden auf dem Zimmer, heißt es. Dafür reicht das hier allemal. Die Leute haben Recht, zähneknirschend ziehe ich also meine oben gemachte Aussage zurück. Überhaupt muß man sich wundern, daß sich da Besserwisser aufregen, die die ganze Sache eigentlich gar nicht tangiert, da ohnehin nicht vor Ort. Ein ähnliches Phänomen erlebe ich einmal im Jahr, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel bestreikt werden. Dann melden sich die Ackermänner Deutschlands zu Wort und beschwören den Untergang der deutschen Wirtschaft und somit das Ende unseres Wohlstandes. Den Bus oder die S-Bahn dürften diese Leute allerdings letztmals zu Grundschulzeiten benutzt haben. Wie nennt man dieses Phänomen? Gibt es dafür ein Fachwort?

 Lemberg als Weltkulturerbestadt über jeden Zweifel erhaben, auch das Wetter ist spitze. In der Lemberger Innenstadt angekommen, wundere ich mich, daß der Blick auf die schöne Lemberger Oper durch die direkt davor postierte Riesenleinwand verstellt wird. Meinen diesbezüglichen kritischen Hinweis registrieren die Mitreisenden mit einem kurzen Schulter zucken. Klar, die Mission heißt ja auch »Oh, Du schöner EM-Pokal« und nicht »Oh, Du schöne Lemberger Oper«. Also suchen wir jetzt die Lokalitäten auf, in denen wir mit Mondpreisen abgezogen werden. Frühstück für meinen Bruder, meinen Neffen und mich EUR 8,00, da gibt es nichts zu klagen. Ich trinke mein Bier am liebsten ganz kühl und ganz frisch und somit vorzugsweise als 02er Version, das gibt es hier allerdings nicht. Ansonsten gibt es das gezapfte Bier zu EUR 0,75 für das 03er bzw. EUR 1,25 für das 05er, da wird jetzt wirklich niemand abgezockt.

 Dann machen wir halt bei den Menschenrechten weiter. Aber auch die haben wir hier nicht feststellen können. Ausnahme s.o., gegen das Menschenrecht auf gezapftes 02er Bier wird hier in eklatanter Weise verstoßen.

 Das Stadion ist schon von Weitem ein Schmuckstück. Jetzt fängt es zu regnen an, da macht sich etwas Unmut bei der ersten Einlaßkontrolle breit. Bei der 2. und letzten Einlaßkontrolle findet der deutsche Michel und Sommermärchenweltmeister dann endlich doch noch einen Grund zum mosern. Die Kartenlesegeräte funktionieren nicht, somit öffnen sich die Drehtüren zum Stadion nur ab und zu. Das Ganze dauert jetzt. Nach ca. 5 Minuten schreit ein etwas fülliger Herr im etwas engen deutschen Leibchen das schöne, wunderschöne Ukrainemädchen vom Kontrolldienst (für die jüngeren Leser: von der Security) in sächsischem Niederdeutsch an: »Ihr Zigeuner, das (er meint die EM) hätte man doch niemals hierher vergeben dürfen.« »Da kann dat Määdsche doch nix für,« hält ein wohl rheinländischer Zuschauer dagegen. Weiter geht es im sächsischen Niederdeutsch: »Ist doch wahr, hier klappt doch gar nichts.« Mit ernster Miene zeige ich bedeutungsschwer auf das Lesegerät: »Des Ding hawwe se awwer in Deutschland gebaut.« Jetzt ist erstmal Ruhe, nach weiteren ca. 5 Minuten werden die großen Eingangstore geöffnet und man erhält ungescannt Zutritt zum Stadion.

 Auch von innen ist das Stadion super, die Stimmung auf den Rängen könnte nicht besser sein. Da haben uns die Ukrainer doch eine echtes Schmuckstück für die Vorrunde gebaut. Eigentlich brauchen sie das Stadion in dieser Dimension nicht. Im Infoblatt des Fanclubs Nationalmannschaft findet man den Hinweis, daß der heimische Fußballclub Karpaty Lviv im Schnitt vor 8.000 bis 9.000 Zuschauern spielt. Bei entlegenen Auswärtsspielen etwa in Donezk oder Charkov wird das Team von maximal 150 Fans begleitet. Weil es sonst keiner tut, deshalb an dieser Stelle ein dicker DANKESCHÖN ihr lieben Ukrainer, daß ihr uns hier so ein Schmuckstück – Baukosten gemunkelte EUR 500 Mio. – bereit gestellt habt. Das Geld wäre gerade hier an anderer Stelle sicher sinnvoller einzusetzen gewesen.

 Der Mensch in der Masse: Beim ersten Eckball der Portugiesen fliegen die zusammengeknäulten Blätter aus der Einlaufchoreographie in Richtung portugiesischer Spieler. Die beschweren sich beim Schiedsrichter, ich solidarisiere mich mit dem deutschen Block und fange an zu schimpfen. Als dann auch noch eine Stadiondurchsage auf englisch und deutsch erschallt buhe ich lautstark mit. Bei der nächsten Papierwurfaktion geht mir das Ganze dann aber schnell auf den Geist. Ich will mich doch auf’s Spiel konzentrieren und Fußball gugge. Für die Nebelaktion nach dem Gomez-Tor habe ich dann gar kein Verständnis mehr, könnte mir ja die Sicht vernebeln. Und ich will doch das Spiel sehen. Zum Spiel selbst muß ich nichts sagen, hat ja jeder selbst gesehen. Aussagekräftig das Chancenverhältnis im Kicker – 5:1 für Portugal!

 Lemberg bei Nacht nach dem Spiel: Suuuuper! Oder um es mit Deutschlands Musterschwiegersöhnchen und Möchtegern-Anführer (»Natürlich bin ich rechts top, aber auch links spiele ich auf Topniveau«) zu halten: TOP. Über das dort geschehene hülle ich aber den Mantel des Schweigens. Da leider, leider lange, lange das Erwachsenenalter erreicht, sollte man bei gewissen Sachen eigentlich nicht mehr mitmachen. Nur so viel: Es wundert mich schon, daß ein Anti-Feierbiest wie ich dann (es ist lange hell) einer der letzten deutschen Fans bin, die die Lemberger Innenstadt räumen. OK, der Vergleich hinkt. Immerhin sind hier einige jetzt schon seit fast 60 Stunden im Dauereinsatz, unterbrochen nur (s.o.) von einigen wenigen Stunden Schlaf. Ich hingegen habe Freitag Nacht brav im Bett gelegen und bis in die Früh durchgeschlafen. Bin ja wegen des Spiels hier.

 Jetzt geht’s wieder nach Hause. Obwohl sich die 23 Stunden ziehen, wird es einem doch nicht so richtig langweilig. Gleich zu Beginn der Fahrt wird der Fanclub-Betreuer von einem Mitreisenden gefragt, ob der das nächste Mal auch ohne den Erwerb einer Eintrittskarte teilnehmen kann. Einfache Logik dahinter: Im Stadion gibt’s nur alkoholfreie Getränke, ohne den Besuch kann man also noch 4 Stunden länger dem Genuss alkoholischer Genussmittel fröhnen! Auch interessant sind die Erzählungen der Mitreisenden von früheren Auswärtsfahrten. Hier sind Leute im Bus, die begleiten die deutsche Nationalelf auf alle Spiele. So erfährt man hier einiges über z.B. Aserbaidschan. Den richtig harten Fans reicht allerdings auch das nicht. So war einer bei irgendeinem U-Irgendwas Länderspiel auf Island und hat bei der Gelegenheit auch noch ein Spiel der 2. Liga Islands besucht. Ein anderer berichtet von der C-WM im Eishockey und dem Spiel Mongolei – Türkei. Ist das Leben nicht schön? Das Deutschland – Portugal Spiel wird hin und her und rauf und runter diskutiert. Man kommt dann zum Schluß, daß wir 1:0 gewonnen haben und es dafür 3 Punkte gibt. Ganz eben wie bei den großen Experten im TV. Nur bekommen die dafür Unsummen gezahlt. Hier sehe ich ein großes Einsparpotential zumindest bei den Öffentlich-Rechtlichen. Wenn man dort überhaupt sparen will. Will man aber nicht, das Geld der Gebührenzahler fließt ja zwangsweise und in Strömen. Am Montag erreichen wir dann um 9.15 Uhr Frankfurt. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten und ab ins Büro. Auch die Anderen entschwinden in ihr normales Leben als Büroangestellte, Metallarbeiter, Rechtsanwalt und Familienvater oder – mutter.

 So, jetzt aber ran an die Arbeit. Ich bin natürlich unheimlich wichtig hier und werde jetzt, nachdem ich 148 eMails gecheckt habe, noch schnell die Welt retten.

 Auf geht’s Deutschland, schieß ein Tor! Oder: Machen Sie weiter so! (Thomas Hübner/Florstadt)

Baumhausbeichte - Novelle