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Sport-Stammtisch (vom 13. Juni)

Nachgeschaut, was vor dem EM-Start und speziell vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft in den Zeitungen stand. Der alte Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern, findet dort seine Steigerung: Nichts ist schneller von gestern als morgen die Vorschau von heute. Ich versuch’s also erst gar nicht, denn erstens kommt es anders und zweitens als man schreibt.
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Zum Beispiel Gomez. Spielt er? Trifft er? Trifft er nicht? Wird er ausgewechselt? Trifft dann Klose? Oder spielt der von Beginn an, trifft nicht, wird ausgewechselt, und Gomez schießt das Siegtor? Oder sind beide heute nur Mitläufer? Alles ist möglich.
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Überflüssig ist die Diskussion, die Scholl angestoßen hat. Jeder weiß, dass der Weltklassestürmer Gomez nicht wie der Weltklassestürmer Klose spielt und läuft, und jeder weiß, dass das auch gut so ist. Einzig die Frage, wer besser in Löws System passt, ist diskutabel, obwohl schon beantwortet: natürlich Klose. Aber nicht in jedem Spiel und gegen jede Mannschaft, und natürlich nicht, wenn Klose aus der Reha kommt und Gomez mit Tore-Bonus aus der Saison.
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Die ziemlich bösartige Kritik des an sich doch so lieben Scholli verwundert nicht mehr so sehr, wenn man an Scholls Wort vom »Flipper« denkt, als den er seinen damaligen Mitspieler Klinsmann verhöhnt hatte, da von ihm jeder Ball unkontrolliert abpralle. Aus Scholls Häme gegen »leichtathletische« Spielertypen wie Klinsmann oder Gomez spricht die Arroganz des feinen Fußes – und vielleicht auch der Minderwertigkeitskomplex gegenüber deren Erfolgsbilanzen.
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Als ARD-»Experte« im Studio wirkt Scholl eher wie Gomez auf dem Platz und nicht so pfiffig-originell wie der Fußball-Mehmet. Das hat er mit Kahn gemeinsam, der als ZDF-»Experte« ebenfalls kein Titan ist. Sicher, beiden fehlt ein Flipper-Künstler wie Delling, der unkontrollierte Abpraller zielgenau zurückserviert, aber vor allem sind beide kein … Günter Netzer. Später Respekt also vor einem hier von mir gerne und oft schollartig Verhohnepiepelten.
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Anderer Aufreger: Rassismus. Wieder einmal. Da wird sich mit Abscheu empört über einige Narren, die Affenlaute nachahmen. Doch wenn ein paar armselige Idioten, die beim Anblick eines dunkelhäutigen Fußballers Affenlaute grunzen, gerade dadurch in die Weltpresse gelangen, wird es immer wieder solche armseligen Idioten geben.
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Man sollte es eher positiv sehen: Nach jüngsten Forschungsergebnissen ist das Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen der Beginn der Sprache, da dadurch die Mimik bewusst gesteuert und zur Kommunikation eingesetzt wird. Es besteht also Hoffnung, dass die Affenlaute keine rassistische Beleidigung anderer sind, sondern erste Versuche, selbst der menschlichen Sprache mächtig zu werden.
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Nicht weit ist es vom Rassismus bis zu Hansilein Flicks Stahlhelm. Man stelle sich bloß vor, ein deutscher Nationalspieler würde vor der heutigen Partie tönen: »Ich bin kein Fußballer, ich bin Soldat.« Und was lese ich im FAZ-Kulturteil vom Montag? »Ich bin kein Künstler, ich bin Soldat.« Sagt der Filmemacher Werner Herzog, unter andächtiger Bewunderung der Cineasten und anderer empfindsamer Gemüter.
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Und wie geht’s heute aus? Aus den Fakten vor dem Spiel liest ein nüchterner Toto-Tipper eine ganz leichte Tendenz zu einem knappen deutschen Sieg heraus. Aber wer gewinnt schon im Toto?
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Daher eine andere erfolgversprechende Prognose: Wetten, dass »Sammer« bei Löw wieder mitspielt, der Sportdirektor des DFB und Europameister von 1996? Allerdings zum Glück erst nach dem Abpfiff, wenn Löw interviewt wird. Achten Sie mal darauf, wie oft sich ein sinnfreies »Sammer ma« in Löws ansonsten wohlformulierte Sätze einschleicht. Wenn die deutsche Elf so viele Tore schießt, gewinnt sie haushoch. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle