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Montagsthemen (“Stara bieda”/vom 11. Juni)

Man stelle sich bloß vor, Löw hätte Gomez so schnell auswechseln können, wie er es vorgehabt hatte . . .
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Nach den Vorschusslorbeeren für den neuen, beschwingten, technisch feinen und begeisternd undeutschen Fußball muss man zugeben: ein sehr, sehr altdeutscher Sieg.
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Am positivsten und auch am wichtigsten: Endlich scheint die deutsche Innenverteidigung zu stehen. Diesen Hummels kann Löw nicht mehr durch Mertesacker ersetzen, Hummels/Badstuber ist keine Frage mehr, sondern  Antwort.
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Tags zuvor unterstrichen griechische Ramsch-Experten die alte »Anstoß«-Frotzelei, dass niemand mit schlechten Karten besser spielt als sie. Nikolaos Liberopoulos nach dem 1:1 gegen Polen: »Wir sind alle eine geballte Faust.« Aber ragt da nicht der Mittelfinger frech heraus? Oder ist’s der Daumen, der zwischen gekrümmtem Zeige- und Mittelfinger keck hervorlugt?
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Polen spielte eine halbe Stunde lang wie der BVB in der Bundesliga und dann wie Dortmund in der Champions League. Aber noch ist Polen nicht verloren, da Polen nicht verloren hat.
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Portugal hat den Fado, in Polen sagt man, gefragt, wie’s denn gehe, »stara bieda«. Was das heißt, verrät der deutsch-polnische Kabarettist Steffen Möller im »SZ«-Interview: »›Die alte Armut.‹ Ein Pole würde auf die Frage ›Wie geht es?‹ niemals mit ›gut‹ antworten.«
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Wer einen Griechen fragt, wie es ihm geht (»ti kannis?«), wird nie ein simples ›kala« (gut) hören. Selbst wenn er nicht gut drauf ist, geht’s ihm mindestens »poli kala« (sehr gut). Sagt er aber »etsi ki etsi« (solala), ist ihm zumindest der Himmel auf den Kopf gefallen.
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Dagegen schützt nicht mal ein Stahlhelm. Auch Hansi Flick brummt der Schädel vom Echo auf seinen verbalen Ausrutscher. Das sanfte Kerlchen zerbricht sich jetzt trotz, wegen und mit dem Stahlhelm den Kopf, während niemand zur empörten Kenntnis nimmt, dass die Polen per Kampfhubschrauber zu ihrem letzten Testspiel helikopterten oder dass der deutsche Entwicklungsminister ins Ausland nur mit seiner alten Fallschirmjägermütze einmarschiert (obwohl seine Kopfform als Designmuster für Standardstahlhelme dienen könnte).
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Und nun zum Mittwoch-Gegner. Holland spielte gegen Dänemark wie die Bayern gegen Chelsea. Am Mittwoch könnte Holland schon draußen sein. Die Bundeskanzlerin kommt nicht, weil in der Ukraine gespielt wird, heißt es. Sie dementiert und beteuert, sie komme wegen dringender anderweitiger Verpflichtungen nicht. Ich glaube ihr, obwohl ich in den großen Zeitungen lese, das sei eine faule Ausrede, denn in ihrem Terminkalender stünde am Mittwoch nur der Besuch des Sommerfestes der hessischen Landesvertretung. »Nur«? Liebe Kollegen, bevor ihr Menschenrechtsverletzungen in aller Welt anprangert, kümmert euch lieber um hessenmenschenunwürdige Diskriminierungen mitten im eigenen Land! »Nur«! Zur Strafe müsstet ihr über den großen Umzug beim Hessentag so viele Sonderseiten produzieren wie zur Fußball-EM!
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Eigentlich kann gegen Holland  nichts schiefgehen. Mit dem Glück und der altdeutschen Zähigkeit vom Samstag sowie dem Kombinationswirbel und der neudeutschen Spielkunst zuvor kann sowieso gegen keinen Gegner der Welt etwas schiefgehen. Allerdings: Solch eine Kombination von Fertigkeiten gab’s noch nie und nirgendwo. Gegen Holland kommt aber erleichternd hinzu, dass der Trainer schon in Dortmund nicht für » totaalvoetbal« stand, sondern eher für uninspiriert altdeutsch Bleiernes, das bis in die Stiefelkappen auch sein Schwiegersohn van Bommel symbolisiert, der sich dem Nadir seiner Karriere nähert.
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So viel deutsche Überheblichkeit wird normalerweise abgestraft, daher nehme ich alles hansiflickartig bedauernd zurück, zumal in dieser Kolumne jegliche Orakelei verboten ist. Morgen in »Ohne weitere EM-Worte« werden ein paar hübsche »FAS«-Sätze zur tierischen Inflation der Orakel stehen, von »Zwergotter Mörmel« bis   Fluchtkuh »Yvonne«. Heute trippelt ein Tier voraus, das mit  erstaunlichen Fähigkeiten   meine Subjekt?-Objekt?-Sammlung um ein prächtiges Exemplar erweitert: »Eine Wollschweindame vom Mundenhof schickt die Badische Zeitung ins Rennen.«
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Mit meiner journalistischen Reputation mag es nicht unbedingt zum Besten bestellt sein, aber so tief gesunken, dass mich ein Wollschwein ins Orakel-Rennen schicken könnte, bin ich wirklich noch nicht. Bei mir herrscht immer die eigene »stara bieda«. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle