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Montagsthemen (vom 4. Juni)

Eine Woche vor dem Auftaktspiel gegen Portugal: Wie immer in dieser Phase hyperventilieren die Medien, in den Startlöchern vibrierend und einen nervösen Frühstart nach dem anderen fabrizierend. Vorteil gegenüber der Leichtathletik: Man wird nicht schon nach einem disqualifiziert (gelle, Usain?!), sondern der Frühstart gehört zum Geschäft.
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Wenn bloße Wasserstandsmeldungen à la »Wie heiß wird das Badewasser im EM-Quartier?« fachlich noch die zielführendsten Nachrichten in der ansonsten journalistisch bleiernen Vorbereitungszeit sind, muss man die »Welt am Sonntag« schon mal fragen dürfen, ob sie nicht zu heiß gebadet hat: Ihr Sportteil bestand gestern aus 11 7/8 EM-Seiten und 1/8 Seite Restsport. Das zu schaffen, ist aus sportlicher Sicht eine mehr als reife Leistung, überreif, um nicht zu sagen: faul, da ein Foul am Sport.
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»Bleierne Zeit.« Das Wort wurde nicht in RAF-Zeiten erfunden, sondern findet sich schon bei Hölderlin: »Leer ruht von Gesange die Luft. Trüb ist’s heut, es schlummern die Gäng und die Gassen, und fast will mir es scheinen, es sei als in der bleiernen Zeit.«
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Da möchte man einigen EM-Frühstartern mit Hölderlin zurufen: »Komm! Ins Offene, Freund!« Auch denen vom »Stern«, der mit einem peinlichen Jubel-Posing einiger Nationalspieler dieselben zur Fotostrecke bringt und, weil’s so schön ins Konzept passt, die Fußballgeschichte klittert, als hätte sie Konrad Kujau persönlich geschrieben. Und so beweist der »Stern« die scheinbar lineare Entwicklung der deutschen Nationalelf von den tiefsten Tiefen zu heutigen höchsten Höhen: »2000 und 2004 scheiterte die Nationalmannschaft kläglich bei der EM.« Doch dann kam unter Klinsmann die »Kernsanierung«, das Sommermärchen von 2006 begann, und seitdem klappt’s besser und besser mit der Nationalelf, die »plötzlich zur Avantgarde des internationalen Fußballs zählt«.
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Klingt sehr überzeugend. Wenn da nur nicht zwischen EM 2000 und 2004 die lästige WM 2002 gewesen wäre, die der »Stern« deshalb lieber erst gar nicht erwähnt. Zur Erinnerung: Im Finale spielte Deutschland brasilianischer als Brasilien, hatte den besten Brasilianer (Bernd Schneider) in den eigenen Reihen und verlor nur wegen Ballacks heroischer Gelbkarte und Kahns Jahrhundert-Patzer. Mit einem EM-Finalsieg könnte die heutige DFB-Mannschaft die damalige allenfalls ein- und nicht überholen.
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Auf der Achtelseite der »WamS« und auch in anderen Sportteilen kaum oder gar nicht zu finden, was sich an Interessantem in aktuellen Leichtathletik-Ergebnislisten verbirgt: In Rom wird Caster Semenya 800-m-Achte in 2:00,7. Bei den Rheinland-Pfalz-Meisterschaften gewinnt Katharina Bauer den Stabhochsprung mit 4,41, ihr Trainer heißt Balian Buschbaum und war als Yvonne ebenfalls eine sehr gute Stabhochspringerin. In Eugene wird Oscar Pistorius 400-m-Siebter in 46,86. Die Themen hinter den Zahlen und Namen werden uns noch bis und in London beschäftigen.
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Frankfurts kleine Fußballwelt beschäftigt sich kontrovers mit einer von Eintracht-Fans gekürten »Elf der Legenden«. Meine, und jetzt muss ich wirklich mal in heiligem Ernst persönlich werden, sehr maßgebliche Meinung dazu: Eintracht-Fans sind doch die Allerbesten und dazu noch fußballfachlich absolut top! Mögen andere grummeln, dass sie einige echte Legenden nicht in ihre Elf der Legenden gewählt haben, aber da Jay Jay Okocha in ihrem Team steht, haben sie aus meiner total objektiven Sicht alles richtig gemacht. Dazu »Binde« im Team, Oka im Tor, Grabbi und Uwe Bein mit Jay Jay im Mittelfeld – da lacht mein Eintracht-Herz. Und wer da lacht, dass Grabbi, Uwe und Jay Jay zusammen in einer Mannschaft gar nicht gehen, mag ein Fußball-Fachmann sein, hat aber kein heißes Herz in der Fan-Brust. Die Legenden-Elf: Nikolov – Körbel, Bindewald, Pezzey, Schur – Grabowski, Bein, Okocha – Yeboah – Cha – Hölzenbein. Da lacht das Herz im Leib . . . und  lässt sich vom Hirn gerne auslachen.
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So, das musste mal wieder geschrieben werden! Noch eine erfreuliche Meldung: Beim Derby in Epsom haben alle überlebt, sowohl die Pferde als auch alle ihnen physiognomisch oft sehr nahe stehenden Zuschauerinnen, die nicht unter der Last ihrer zentnerschweren Huträder zusammengebrochen sind (sorry, alter Witz).
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Und damit zum Bildungsauftrag unserer Kolumne: Warum heißt das Derby Derby? Weil der Earl of Derby und ein gewisser Sir Charles Bunbury im Jahr 1780 um die Namensgebung für ein Pferderennen stritten und einen Münzwurf entscheiden ließen. So gewann Derby das erste Derby und nicht Bunbury das erste Bunbury.
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Ach ja, auch eine andere Frage, gestellt von einem Leser, muss noch beantwortet werden. Lösung des Vogelsberger Schäfer-Problems vom Samstag: 5 und 7 (mehr dazu im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«). Martin Henneberg aus Friedberg, einer der Problemlöser und »Jahrzehnte langer und somit auch glücklicher Anstoß-Leser« schreibt: Solche »mathematischen Fragen löse ich schon morgens auf dem Klo – da muss ich mich sowieso anstrengen.« – Danke allen klugen Lesern, wo immer sie sich beim Problemlösen auch angestrengt haben mögen (ich verkneife mir jetzt aber die alte Geschichte, dass wg. Pressatmung auf dem Ring mehr Menschen sterben als im Boxring).
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Eine der am Samstag zitierten Problemlöserinnen bedankt sich: »War übrigens nett, das erste Mal in meinem Leben in einer Zeitung meinen Namen zu lesen, meist steht man ja erst in der Zeitung, wenn man es nicht mehr lesen kann. Danke schön dafür.« – Bitteschön, gern geschehen! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle