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Sport-Stammtisch (vom 26. Mai)

Alle haben es gesehen, jeder will aber etwas anderes gesehen haben. Wer Düsseldorfer und Berliner Interessenvertreter reden und argumentieren hört, möchte mit Pontius Pilatus fragen: »Quid est veritas?« Im Johannes-Evangelium stellt der römische Statthalter in Judäa diese Frage am Ende des Jesus-Verhörs.
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Ob es gewaltbereite, extrem gefährliche Chaoten waren, die den Platz stürmten, oder freudetrunkene Kinder, die nach dem vermeintlichen Schlusspfiff harmlos auf dem Rasen tanzten, spielt jedoch keine Rolle bei der Urteilsfindung, aber darauf reiten wir heute nicht mehr herum, zumal wir noch zum richtigen Reiten kommen.
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Das Evangelium gibt Pilatus übrigens keine Antwort auf die Frage, was denn nun die Wahrheit sei. Ist ja auch schwer bis unmöglich, die Wahrheit zu wissen, denn schon Sekundenbruchteile nach der erlebten Wahrheit beginnt die manipulierende Kraft der Erinnerung, und im selben Moment setzt bereits unser »System 1« an. Auf dessen Grundlage, so der Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahneman, fällen wir die meisten unserer Entscheidungen. »System 1 steht für die Intuition«, sagt er im »Spiegel«-Interview, »es erzeugt unermüdlich Absichten, Eindrücke und Gefühle. System 2 dagegen steht für Vernunft, Selbstkontrolle und Intelligenz« – und hat gegen System 1 keine Chance.
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Schön, dass auch ein solch kluger Mensch wie Daniel Kahneman unsere alte und etwas vereinfachte »Anstoß«-Version bestätigt: Wunsch und Wille sind immer stärker als der Verstand. Natürlich nur bei anderen. Ich dagegen bin selbstkontrolliert und ausschließlich vernunft- und intelligenzgesteuert.
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Daher und weil ich berufsbedingt Sportfachmann bin, selbstverständlich auch für Baseball, fällt es mir leicht, im Kahneman-Interview einen dicken Fehler aufzudecken. Zum Beweis, dass wir gerne bei unserer ersten gefühlsmäßigen Einschätzung bleiben, statt noch einmal nachzudenken, wird im »Spiegel« diese Rechenaufgabe präsentiert: »Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?« 80 Prozent der befragten Studenten hätten das gleiche falsche Ergebnis genannt: 10 Cent. – Doch das ist ja gerade das richtige Ergebnis! Peinlich für Kahneman, peinlich für den »Spiegel«.
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Peinlich für »Sport-Bild« – oder hämische Absicht? Wohl eher schlicht dummer Zufall, dass zwei ganzseitige Bastian-Schweinsteiger-Fotos direkt nebeneinander abgedruckt sind. Links legt sich Schweinsteiger den Ball zum Elfmeter zurecht (Bildtext: »Gleich scheppert’s«), rechts strahlt der Unglückswurm in die Werbe-Kamera: »Das richtige Deo entscheidet.«
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Na ja, man kann alles, siehe oben, auch ganz andersrum sehen: Nicht Schweinsteiger hat versagt, sondern sein Deo, daher muss er nicht traurig sein und kann frisch, fromm, fröhlich und frei bei der EM auftrumpfen und im Finale das entscheidende Tor schießen. Jawoll!
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Dann klingelt’s im Kasten der Spanier. Bei mir klingelte es im klugen (Beweis: siehe Baseball) Oberstübchen, als ich in »Bild« las, dass ein »Kopfgeld-Jäger« 1,5 Millionen Euro Belohnung auslobt, »um Herrn Florian Homm dingfest zu machen«. Klingel, Klingel: Als Hedgefondsmanager Homm als Großaktionär bei der damals finanziell und sportlich darbenden Dortmunder Borussia einstieg und eine Millionen-Prämie für den Gewinn der Meisterschaft 2006 aussetzte, ließ ich mich nicht lumpen und versprach als Großaktionär des hessischen Herzens unserer Eintracht die ähnlich realistische Prämie von einer Fantastillion für den Gewinn der Champions League 2007.
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Florian Homm war früherer Basketball-Juniorennationalspieler, sein Großonkel hieß Josef Neckermann, mit 18 Jahren gründete Homm seine erste Investmentgesellschaft, mit 23 hatte er die erste Million im Portemonnaie … und er ist seit gut vier Jahren spurlos verschwunden, und mit ihm 200 Millionen Euro.
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Und noch mal klingelt’s: In der Reiterszene wird heftig über Totilas und seinen Reiter Rath diskutiert, der das zuvor widerspenstige Pferd mit einer »Rollkur« in den Griff bekommen will, also mit den holländischen Methoden, die aus Totilas erst das Millionen-Wunderpferd gemacht hatten. Unter deutsch-zaghaften Methoden schwächelte Totilas, jetzt ist er wieder ganz der alte, dank Rollkur, die beschwichtigend »LDR« (Low, deep, round) genannt wird. Das erinnert mich an eines der frühesten »Sport-Stammtisch«-Themen überhaupt, denn im Februar 1980 ging es um »Schlaufzügel, mit denen sich gewisse Reiter die Vorbereitung auf den Wettkampf zu vereinfachen pflegen«. Dieser Hilfszügel bringt Kopf und Hals mit Gewalt in die (nicht vom Pferd, sondern vom Reiter) gewünschte Haltung, ähnlich also wie bei der aktuellen LDR-Rollkur. Nichts Neues unter der Reiter-Sonne!?
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An der Fachdiskussion kann ich Laie mich nicht beteiligen. Mir leuchtet aber ein, dass Totilas im ehemaligen Haus der sanften Rath-Hand bei gleichzeitiger sexueller Schaffenskraft »durch das rege Deckgeschäft immer selbstbewusster und maskuliner« (FR) wurde, also auch ungebärdiger, und ihm daher mit harter Hand gezeigt werden musste, wer der Herr im Haus ist. Ross und Reiter ähneln sich oft nicht nur physiognomisch, sondern vor allem verhaltenspsychologisch.
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Dennoch behaupten Böswillige, Reiten sei eine langweilige Sportart, manchmal sogar direkt einschläfernd. Für Pferde.
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Sorry für den Kalauer. Zur Strafe folgt die fällige Selbstgeißelung. Wie viel kostet der Ball? Bei mir fiel der Groschen spät, sehr spät. Es dauerte nach dem ersten Lesen der Aufgabe ungefähr so lange, wie ich für das Schreiben dieser Kolumne brauchte, bis ich nach zweitem und drittem Nachdenken auf das richtige Ergebnis kam. Und Sie? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle