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„Rück-Blog“: Spontan und ungefiltert (vom 23. Mai)

Der Blog »Sport, Gott & die Welt« begleitet und ergänzt die Zeitungs-Kolumnen von »gw«. Ab und an veröffentlichen wir hier Auszüge. Heute konzentrieren wir uns auf vier Tage rund um Relegations-Verhandlung und CL-Finale. Das spontan Geschriebene bleibt auch im »Rück-Blog« ungefiltert. Man beachte bitte die Veröffentlichungszeiten im Blog. Wir beginnen VOR der Verhandlung am vergangenen Freitag.
Freitag, 18. Mai, 10.45 Uhr: Das Ergebnis bleibt, da Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters, und die ist eine Heilige Kuh. Mir ist egal, wie’s ausgeht, da zu beiden Mannschaften größtmögliche Ferne. Rund wird’s nächste Saison gehen, wenn Eintracht und Fortuna zwei Abstiegsendspiele spielen.
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Samstag, 19. Mai, 19.15 Uhr: So kurz vor dem Spiel keine Prognose zum Champions-League-Finale, aber dafür eine andere, die mich juckt: In den Kommentaren der überregionalen Medien zur Verhandlung vom Freitag überwiegt die Meinung (zum Beispiel von ZDF-König), dass das Spielergebnis annulliert wird. Da ich erstens keinerlei eigene emotionale oder berufliche Präferenzen (wie mancher andere, der sich Vorteile von Hauptstädtern in Liga eins verspricht) und zweitens keine Angst vor der Blamage habe, sage ich voraus: Wer am Freitag genau zugehört hat, kann nicht daran zweifeln, dass das Ergebnis bestätigt wird. Interessant werden die Folgeurteile: Harte Strafen für Düsseldorf (hohe Geldstrafe und Geisterspiel/e und/oder Punktabzug, der Düsseldorf schon zu Saisonbeginn fast aussichtslos zurückwirft). Dazu saftige Sperren für einige Herthaner (und einen Düsseldorfer, den mit den Bengalos), so saftig, wie sie die Liga bisher nicht gekannt hat. Einen Kobiaschwili werden wir in der kommenden Saison nicht mehr spielen sehen.
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Kleiner Skandal an ganz anderem Rande: Heribert Bruchhagen, jahrelang von mir als Fels in der Frankfurter Brandung gepriesen, macht es einem nicht leicht. Erst die Skibbe/Amanatidis/Daum-Schoten (in den Kolumnen nachzulesen), und jetzt sein ganz besonderes Verständnis von Journalismus. Dass mein »Mädchenfußballer« Caio die Eintracht erst jetzt verlässt, und zwar als sportlich und finanziell gewaltiges Verlustgeschäft, und nicht schon ein paar Monate früher für ein paar Millionen zu Dynamo Moskau, dafür macht Bruchhagen »die negative Berichterstattung in den Medien verantwortlich« (FR vom 14. Mai). Wie bitte? Ich zum Beispiel (gut, mich wird er nicht meinen, da er mich wohl mangels Bedeutung nicht liest) hätte mir also den »Mädchenfußballer« verkneifen, die körperlichen und taktischen und mentalen Defizite verschweigen beziehungsweise schönschreiben sollen? Als windiger Gebrauchtfußballer-PR-Lügner in Diensten und zu Diensten der Frankfurter Eintracht? Lieber Herr Bruchhagen, bei allem Respekt, das würde ich mir gerne von Ihnen genauer erklären lassen.
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Samstag, 19. Mai, 23.35 Uhr: Das zweitgrößte Rätsel: Wie kann sich eine Mannschaft aus der Steinzeit des Fußballs gegen ein schier unfassbar überlegenes Barcelona durchsetzen? Wie sogar die Champions League gewinnen, gegen fast ebenso haushoch überlegene Bayern? Das größte Rätsel löst das zweitgrößte: Wie kann ein Trainer bloß auf die Idee kommen, einen an die Wand gespielten Gegner, den Müller gerade ausgeknockt hat, künstlich wiederzubeleben, indem er den grandiosen Nationalspieler auswechselt und einen Abwehrspieler einwechselt, der sich gerade mühsam in der 3. Mannschaft berappelt und selbst in Bestform nicht Champions-League-reif ist? Ein fatales Signal an den demoralisierten Gegner, der zuvor kaum nach Luft schnappen konnte und gar nicht die Gelegenheit bekam, die Ersatzdefensive der Bayern in Verlegenheit zu bringen. Urplötzlich durch Gegners gnädige Hilfe auf Augenhöhe gebracht, entwickelte sich ein völlig neues Spiel. Dass Robben einen Elfmeter verschießt, Schweinsteiger den letzten, das ist nichts als Pech. Und noch ein Manko: Trotz all der geballten Offensivpower und trotz aller Überlegenheit der Bayern kamen sie kaum zu zwingenden Torchancen, was auch daran liegen könnte, dass ihr Fußball immer ein 9+2 gegen 11 ist: Sobald Ribery oder vor allem Robben an den Ball kommen, endet das Mannschaftsspiel und beginnt das Einzelspiel. Das kann manchmal gut enden, ist auf Dauer aber zu wenig und nicht mehr auf der Höhe der Fußballzeit. Und diese völlig unnötige Niederlage ist zudem ein fatales Signal für die EM. Gute Nacht.

Sonntag, 20. Mai, 6.30 Uhr. Soeben nachgelesen, was in den Minuten nach dem Spiel geschrieben: Kann alles so stehen bleiben. Vor allem der Knackpunkt der Auswechslung, diese fahrlässige Wiederbelebung eines schon mindestens scheintoten Gegners. Nach erster Sichtung von Gesagtem und Geschriebenem stehe ich damit allerdings allein auf weiter deutscher Medienflur. Aber hier sitze ich, am mittelhessischen Redaktionstisch, und kann nicht anders.
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Montag, 21. Mai, 16.30 Uhr: Das Urteil war nicht nur zu erwarten, sondern zwangsläufig, wenn die als höchstes Gut gehandelte »Tatsachenentscheidung« noch gültig ist. Dass ich das Urteil hier im Blog zu einem Zeitpunkt vorweggenommen habe, als die große Kollegenschaft noch rätselte bzw. sogar mehrheitlich zur Wiederholung tendierte, lässt mich nicht triumphieren, sondern rätseln, warum andere nicht eins und eins zusammenzählen wollen, obwohl sie es könnten und sogar bessere Voraussetzungen haben (große Redaktionen mit hochbezahlten »Rechnern«). Auch weil ich der »Tatsachenentscheidung« skeptisch bis ablehnend gegenüberstehe, spüre ich keine Genugtuung des Besserwissens, denn sie ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer Video-Hilfe (nicht: -Beweis) für den Schiedsrichter . . . aber keine Angst, auf meinem früheren Lieblingsthema reite ich nicht mehr herum. Weil: zwecklos. Zwecklos dürfte auch der weitere Instanzenweg der Hertha sein, da die Sachlage zu eindeutig ist. Allerdings: Es gibt einflussreiche Kräfte in Sport, Sportjournalismus und auch Politik, die den Hauptstadtklub nicht in Liga zwei sehen wollen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle