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Sport-Stammtisch (vom 19. Mai/1. Fassung)

Unabhängig vom DFB-Urteil: Ob in Duisburg oder Düsseldorf – das Beängstigende ist immer der Mensch in der Masse. In Düsseldorf hätte trotz »nur« überschäumender Euphorie Schlimmstes passieren können. Man stelle sich bloß vor, beim Stürmen von den Tribünen aus wäre ein Kind gestolpert – in einem Domino-Effekt hätte die wogende Masse Dutzende zu Tode drücken können. Ein wahres Wunder, dass niemand verletzt wurde.
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Viele haben jetzt Patentrezepte zur Hand. Ich nicht. Die Aufregung wird sich legen, und irgendwann wird irgendwo wieder ähnliches geschehen. Natürlich wäre es schön, wenn sich die Hoffnung der FAZ erfüllen würde: »Auf Dauer hilft nur die Einsicht des Publikums weiter.« Aber so ist er nicht, der Mensch, schon gar nicht in der Masse.
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Über das Mensch-in-der-Masse-Phänomen hatte ich schon aktuell im Blog »Sport, Gott & die Welt« geschrieben, aber »vielleicht wird das Problem verkürzt, wenn man nur den Schwarm sieht, der losrennt, wenn einer rennt«, meint dazu Paul-Ulrich Lenz aus Schotten: »Mich beschäftigt die Parallelität dieser Kölner/Karlsruher/Düsseldorfer Ereignisse mit dem Auftreten angeblicher Eliten in Talk-Shows. Was ich da an Alleinvertretungsanspruch erlebe, an Respektlosigkeit, an Ich-Bezogenheit, an Unfähigkeit, den anderen zu Wort kommen zu lassen, das spiegelt sich in dem Verhalten der Fans. Und in den Talk-Shows sind es Einzelne, Gebildete, Bürgerliche! Kein Schwarm-Verhalten.« – Stimmt. Meine Masse-Erklärung greift wohl zu kurz.
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Verlagern wir das Problem lieber auf eine mir näher liegende etwas unernstere Seite: Ob akustische Waffen helfen? Sie gehören jedenfalls zum Sicherheitskonzept bei den Olympischen Spielen in London. Dort könnte man auf Hoffenheimer Know-how zurückgreifen: Im letzten Sommer wurde dort der Gästeblock infernalisch beschallt, weil BVB-Fans »Hurensohn Hopp« krakeelten. Der tief verletzte Hopp klagte: »Wer meine Mutter kennt, weiß, was für eine herzensgute Frau sie war.« BVB-Fans nutzten die Steilvorlage zu einem unvergesslichen Spruchband: »Dietmar Hopp, du Sohn einer Hupe!«
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Hoffentlich enden jetzt wenigstens die absurden Debatten über »Pyrotechnik«. Diesen Euphemismus für durchgeknallte Zündelei und Knallerei kann ja nun wirklich kein Fan und kein klammheimlicher Ultra-Beschwichtiger in den Vorständen noch für diskutabel halten.
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Erstaunlich altersmilde und entspannt reagierte Otto Rehhagel, beinahe hätte ich ihm eine späte Sympathie-Plakette verliehen, doch dann leistete er sich einen akustischen Offenbarungseid, indem auch er den meistzitierten Satz erfolgloser Trainer in den Mund nahm: »Ich kann nicht selbst die Tore schießen.« Da klingt Opa Otto wie Mutti Merkel: »Ich stand ja nicht zur Wahl.«
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In diesem Zusammenhang: Seehofers Nachinterview-Interview gilt als großer journalistischer ZDF-Coup. Endlich mal ein Politiker, der Klartext redet, wenn auch ungeplant, quasi privat, off the record, nach der Sendung! Heißt es. Ach, liebe Kollegen, das war kein journalistisches, sondern ein politisches Meisterstück – wer glaubt, Seehofer habe das nicht genau so geplant, wie es gelaufen ist, der unterschätzt ihn sträflich.
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Jetzt aber beginnt der Countdown zum großen Finale. Heute sind wir alle Bayern-Fans … ich weiß, ich weiß, Widerspruch regt sich, auch von sehr geschätzten Anstoß-Lesern, also: Heute sind wir fast alle Bayern-Fans, und zur Mutmachung steuere ich munter gegen den Trend: Im Pokalfinale sah man, dass Bayern im Prinzip doch noch etwas besser ist als der BVB, dass aber das Prinzip Klopp dem Prinzip Heynckes klar überlegen ist. Für heute ist dies aber kein Grund zum Pessimismus. Gegen Barcelona, diese einmalige, ausgereifte Altversion der reifenden jungen BVB-Schwarmwilden, hätten die Münchner trotz der à la Oswald Spengler beginnenden Untergangsphase der abendländischen Barca-Hochkultur keine Chance. Chelsea dagegen scheint der ideale Bayern-Gegner zu sein: Große, gestandene Alt-Helden mit Fußball als klotziger Hausmannskost, wobei München aber gegenhalten kann und zudem spielerisch/dynamisch im Vergleich zu Chelsea wirkt wie der BVB gegenüber den Bayern. Nun gewinnt mal schön, egal ob schön oder nicht. (gw

Baumhausbeichte - Novelle