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Donnerstag, 17. Mai (Himmelfahrt), 9.30 Uhr

Frühe Rad-Morgenrunde. So früh, dass sich Fuchs und Hase noch nicht Guten Morgen sagen. Eiskalt, aber  strahlend sonnighell. Am ersten Hof vorbei. Der große Raubvogel (Bussard?), der über und neben mir immer an der gleichen Stelle auf dem Baum sitzt, streicht wieder ab ins Feld. Gegenüber der Hof  scheint noch zu schlafen, die vielen kleinen schwarzen Lämmchen (warum sind alle schwarz?) sind jedenfalls noch nicht herausgelassen. Anstieg zum zweiten Hof. Auch irgendwie alternativ. Meine Freunde, die Ziegen, begrüßen mich stumm. So früh am Morgen gibt’s noch nichts zu meckern. Der Bauer graubezopft. Neben dem Hof hat er ein umzäuntes Grundstück mit einem schönen Teich. Auf dem Grundstück steht ein großes Wigwam. Ein paar Meter weiter das Fohlen vom Vorjahr, das ich mittlerweile kaum noch von der Mutter unterscheiden kann. Weiter hinauf, jetzt kommt das anstrengendste Teilstück, vorbei an den Koppeln, auf denen die Pferde des dritten Hofes stehen, des Hofes Nummer eins, der den gleichen Baum-Namen trägt wie die nächsten beiden, die Nummern zwei und drei (damit’s jeder weiß, stehen seit diesem Frühjahr die Zahlen groß am Hof), die dicht an dicht stehen.  Gleich ist die höchste Stelle erreicht, nach drei Kilometern Aufstieg. Oben, auf der Wiese, die Wildschweine wild durchpflügt haben, steht einer, zu dem sich eine wunderbare Freundschaft entwickeln könnte: Ein Rehbock, nicht mehr als zwanzig Meter vom Weg entfernt äsend, sieht mich, wie gestern, äugt mich aufmerksam an, wie gestern, folgt mir mit dem Kopf, wie gestern, äst weiter, wie gestern. Macht er’s morgen wieder, gehört er zum Standardprogramm. Nun fährt’s ein paar Meter abwärts, im Wald, aus dem Wald heraus, nach links und dabei den Blick nicht nach rechts wendend, denn dann fiele er auf  die im Winter voll erblühte Fotovoltaik-Landschaft des ehemaligen NATO-Tanklagers. Den Naturlaunemiesmacher sehe  ich noch früh genug (hat schon Strom für mindestens eine halbe Glühbirnenstunde erzeugt). Geradeaus schweift der Blick weit ins Hinterland, wo sich auf einem Bergrücken die drei Windräder im Winter verdoppelt haben. Kurve, Kurve, geradeaus runter, vorbei am fünften Hof, den der Hundfreund manchmal wieder wild bellend frei bewachen darf. Heute früh aber nicht. In sausender Fahrt zur nächsten Pferdekoppel (an wievielen Pferden komme ich bei dieser Tour vorbei? 50? 100? Noch mehr?), wieder Kurve und in weitem Bogen am Tanklager vorbei. Die beiden “Na ihr Kerle!”-Rappen werden gebührend begrüßt. Die jetzt boulevardbreite Straße, die von der schmalen Landstraße zum Tanklager führt, wird meines Wissens seit Jahrzehnten sich selbst überlassen, ist aber picobello in Schuss, keine Spalten, keine Risse, keine Frostschäden, und trotz der Belastung nicht nur meines Doppelzentners, sondern auch von Megatonnen der gewaltigen Baumstamm-Laster, die hier ihre Fracht abholen. Für die Waldwirtschaft  ist diese Gaga-Straße in schönster Natur ein willkommenes Relikt des Kalten Krieges. Der skurrile Highway wurde in den 70er Jahren gebaut, um Panzer auszuhalten. Warum baut man heute die Straßen so, dass sie nach jedem Winter ausgebessert werden müssen? Seit einiger Zeit werden allerdings weniger Stämme als Riesenhaufen geschnetzelten Holzes hier gelagert und abgeholt. Biomasse, der neue Renner, dafür werden ganze Wälder leergeschreddert, und das Unterholz gleich mit. Im Spätwinter beim Forstamt erkundigt und die Adresse vom Biomasse-Hersteller erfragt. Bei ihm für wenig Geld geschredderte Späne gekäuft, billiger, besser aussehend und länger hältend als Rindenmulch. Eine Nummer größer als die normale Biomasse heißt das geschredderte Holz “Prallschutz” und dient als Unterlage z.B. auf Spielplätzen. Für meine Zwecke ist es sehr schöner Wegebelag im Garten. Mit diesen Gedanken abgelenkt von der Fotovoltaikanlage (wer den Blog noch nicht lange liest und sich für die F. interessiert: Bitte in Herbst-2011-Notizen nachlesen), auf die Landstraße eingeschwenkt, runter zum Dorf und vor dem Ortsausgang beim alten Aldi rechts hoch und wieder hinunter ins Feld. Jetzt kommt das Teilstück, auf dem ich auch ohne Uhr immer weiß, wie spät es ist. Allerdings nur zwischen neun und zehn. Das Hausfrauen-Trio (manchmal nur Duo, manchmal Quartett) bricht punkt neun (Frühstück ist gefrühstückt, Kinder in der Schule, Mann an der Arbeit) zum täglichen Gang auf und ist punkt zehn wieder zu Hause (Essen vorbereiten). Sie stehen dazu, völlig selbstverständlich, genießen dieses Leben fern jeglicher feministischer Selbstverwirklichung und scheinen im Reinen mit sich und der Welt. Manchmal, wenn ich nicht auf Zeit fahre, halte ich und wir reden kurz. Eine sagte mal: “Ach, die paar Jahre noch …” was mich stutzig machte, denn sie dürfte ungefähr so alt sein wie ich. Und ich bin doch erst 14!  (Fortsetzung folgt – muss erst mal ein Zitat von Alec G. nachschlagen).

Baumhausbeichte - Novelle