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Wer bin ich? (Mai-Runde/vom 16. Mai)

Von meiner größten Leistung gibt es nur einen einzigen Foto-Beweis. Der Fotograf war mein Freund und ein großer, echter Sportler, vielleicht sogar der letzte dieser seltenen Art. Er erfüllte jedenfalls die wichtigsten (auch olympischen) Kriterien: Dabei sein ist alles, aber »dabei« sollte man sich auch noch selbst zu übertreffen versuchen und gleichzeitig den Mitsportler respektieren, also Fairness- und alle sonstigen sportlichen Regeln einhalten. Wer das nicht tut, für den ist zu siegen alles, ohne zu wissen, dass dann alles nichts ist.
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Mein Freund wurde einmal gefragt, welchen Sinn sein sportliches Tun habe. Er antwortete mit der Gegenfrage, ob denn alles, was wir tun, unbedingt einen praktisch verwertbaren Sinn haben müsse. Aber mehr aus sich herauszuholen, als man selbst für möglich gehalten hat, sich also selbst zu übertreffen, das – Sinn hin oder her – »ist doch sehr befriedigend«. Und das ist Sport.
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Mein Freund war ein sehr liebenswürdiger, freundlicher und bescheidener Mann, ein allseits beliebter Gentleman-Sportler. Noch sympathischer machte ihn, dass er zugab, dass gewisse Umstände, die mit dem Foto zu tun hatten, »es wohl auch erleichterten, ein netter Kerl zu sein«.
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Auch ich neige nicht zur Überheblichkeit, wirklich nicht, aber ich kann ohne Unbescheidenheit behaupten, dass meine Leistung nicht mehr überboten werden kann. Es ist ähnlich wie mit der »Traum-Meile«: Als Roger Bannister als erster Mensch die Meile unter vier Minuten lief, war das eine Weltsensation. Viele folgten ihm nach, aber nur Bannisters Name bleibt mit der Traum-Meile verbunden. Wer die Traum-Meile oder meine Traum-Leistung nachmachen will, muss schon im Handstand laufen oder, den bösen Satz habe ich mal irgendwo gelesen, eine blinde einarmige Lesbe sein, um heute noch Schlagzeilen zu schreiben.
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Apropos: Mein Freund hat in späteren Jahren einen jener Männer, die in meiner sportlichen Disziplin trotz oder wegen freiwilliger oder körperlich bedingter Handicaps berühmt werden wollen, aus ethischen Gründen scharf kritisiert.
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Wer mein Freund ist? Das weiß doch jeder. Aber wer bin ich? Für die richtige Antwort gibt es einen Punkt. Einen zweiten Punkt gibt es für den Namen des von meinem Freund Kritisierten (mit kurzer Beschreibung des ethischen Hintergrundes). Kleine Hilfestellung: Ein Binde-Glied führt von ihm zu einem aktuell aktiven südafrikanischen Sportler (Einsendeschluss: 1. Juni). (gw)

Baumhausbeichte - Novelle