Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch vom 12. Mai

Selten gab es bessere Voraussetzungen für ein Fußballfest: Zwei Mannschaften gönnen sich und uns eine Zugabe, nachdem beide ihre Saison-Traumziele schon erreicht haben – BVB die Titelverteidigung, Bayern das Heim-Finale. Nun spielt mal . . . schön!
*
In Berlin. Oje, Berlin. Wir nähern uns der deutschen Hauptstadt auf dem Umweg über die griechische und erinnern uns an glanzvolle Triumphe in Athen 2004: Erst wurden Rehhagels EM-Helden begeistert empfangen, dann die Olympischen Spiele mit Glanz und Pomp zelebriert. Mit Pomp, weil auf Pump. Wie alles. Auch Spanien feierte seine größten sportlichen Erfolge in seinen auf Pump finanzierten Pompadour-Zeiten (»Nach uns die Inflations-Sintflut!«). Und nun: Champions-League-Finale ohne Real und Barca. Passend dazu: Sieg nur im Verlierercup.
*
Pomp, Protz, Pump . . . dann plumps? Pevor wir Parallelen ziehen, auf zum Gegenbeweis nach Per . . . halt irgendwie kommen mir die Stabreime durcheinander . . . nach Berlin: Der Stadtstaat lebt seit -zig Jahren mit Pomp auf Pump, aber für sportliche Großtaten reichte es nie. Hertha statt Barca, Liga zwei statt Olympia. Aber Berlin hat wenigstens gegen Athen und Madrid sowieso Sowiewowi-Bonus, ähnlich wie ARD und ZDF: So wie Wowi droht auch den Öffentlich-Rechtlichen nie eine Pleite, denn sie haben einen Goldesel namens Du+Ich. Auf Olympia in London freuen sie sich daher wie die Schneekönige, denn für sie gilt noch das olympische Motto: Dabei sein ist alles. Motto: Doppelte Kosten, geteilte Arbeit. Denn wieder und wieder leisten wir uns die an griechische PPP-Zeiten erinnernde Absurdität, zwei komplette öffentlich-rechtliche Olympia-Expeditionen zu finanzieren, die sich täglich abwechseln. Ein sehr spezielles Sendungsbewusstsein.
*
Olympia wirft ja schon seine Fackeln voraus: Feierliche Entzündung des olympischen Feuers im Hain von Olympia, mit »Priesterinnen« und Schwulst-Brimborium. Nur zur Erinnerung: Olympisches Feuer, Fackellauf und Olympische Hymne sind Nazi-Erfindungen, Premiere in Berlin 1936. Klappte auf Anhieb so gut, als ob sie jahrelang mit Fackelzügen und Lichtdomen bei Reichsparteitagen geprobt hätten.
*
Ach ja, die Nazis. Bricht für sie eine »Goldene Morgendämmerung« an? Nein, Mitglieder dieser Wahlerfolgs-Partei geben mit griechischer Logik Entwarnung, denn »sie behaupten, sie seien keine Nazis, sondern lediglich Nationalsozialisten« (Griechenland-Zeitung). Nicht nur deswegen fragt mein philhellenisches Info-Blatt GZ entnervt: »Passt die griechische Mentalität überhaupt noch in ein westeuropäisches Raster?« Vermutung: Sie passte noch nie in unser Raster, daher liebten wir sie so sehr. Was jetzt dort passiert, könnte aber bei ähnlich existentiell sich ändernden Bedingungen überall in West- und Mitteleuropa geschehen. Irgendwo in einem anderen Zusammenhang mal gelesen: Das Aufkommen der Nazis in Deutschland wurde begünstigt durch großflächiges Verschwinden von Mittelschicht, stark wachsender Unterschicht und sich abschottender kleiner Reichen-Schicht.
*
Angenehmeres Thema: Fußball-EM. Ja, angenehm. Man muss es immer wieder betonen: Es droht kein Boykott der EM, sondern es gibt eine Nichtanreisedrohung politischer Ehren- und Zaungäste, was politisch-diplomatisch schwer wiegen mag, sportlich aber die leichtverkraftbarste Einflussnahme überhaupt darstellt.
*
Dass »die Deutschen bei solchen Debatten meistens ganz vorn« sind, liegt ebenfalls an den Nazis, meint Dirk Kurbjuweit in einem Spiegel-Essay: »Weil das Erbe der Nazis so schwer wog, wurden die Bundesdeutschen die weltbesten Wiedergutmacher und wandelten sich zur moralischen Nation.« Aber Vorsicht: »Moral und Politik sind schwierige Schwestern«, denn es droht »Doppelmoral« (Kurbjuweit).
*
Daher hat Angela Merkel höchstkanzlerisch erklären lassen, »dass sie von Boykottandrohungen, Sanktionsmaßnahmen oder ähnlichen Maßnahmen nichts hält« (Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher). Also, alles okay mit der Ukraine? Na ja, Steg ist nicht, sondern war Merkel-Sprecher und verlautbarte das Entboykotterl nicht vor der 2012-EM in der Ukraine, sondern vor Olympia 2008 in Peking. Besondere Gastgeber erfordern besondere Verhaltensweisen.
*
Noch ein ganz anderes Thema: In dieser Kolumne und auch in der »Nach-Lese« des Feuilletons habe ich zuletzt einiges über den abseitigen Eigentumsbegriff jener seltsamen Partei geschrieben, deren albernen Namen auszusprechen oder hinzuschreiben ich selbst als zur Albernheit Neigender vermeiden möchte. Nun lese ich aber, siehe »Zeit«-Aufruf der 1000, dass meine Meinung mittlerweile im Mainstream liegt, was einem genüsslich Gegen-den-Strom-Anpaddler keinen Spaß mehr macht. Daher verabschiede ich mich von dem Thema mit einer Schlussbemerkung: Für das geistige Eigentum kämpfen die, die es haben, gegen die, die so etwas nicht haben. Aber auch das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle