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Nach-Lese vom 12. Mai (Rezensenten und der Faktor Olf)

»Wer liest, der riecht«, sagt Günter Grass in seinem neuen Gedicht. Nein, es ist nicht DAS Gedicht, sondern eines über Duftmarken, geschrieben als PR-Maßnahme für das nach Büchern riechende Parfüm Paper Passion, das Grass-Verleger Steidl, so die Zeit, »jetzt tatsächlich auf der Mailänder Designmesse vorgestellt« und für das »Karl Lagerfeld die Verpackung entworfen hat«. Riecht hundert Olf gegen den Wind nach Satire. Ist aber keine, beteuert die Zeit: »Lieber Leser, wir schwören es!«
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Und so kommt Grass von Gedicht zu Gedicht über Iran und Uran auf Urin und den Hund: »Denn wie der Hund sein Revier / mit Duftmarken markiert / und sein weitläufiges Reich sichert, / so bin ich von Büchern umstellt, / deren Gerüche haften; wer liest, der riecht.« Sachen gibt’s. Und wie das olft!
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Olf? Das Wort für die Einheit der Geruchsstärke kommt, wie mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 55) weiß, aus dem Lateinischen (»nervus olfactorius« – Riechnerv). Ein Olf, das ist der Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der am Tag 0,7 Duschbäder nimmt (wie immer dieser Normmensch das auch anstellen mag). Ein zwölfjähriges Kind muffelt zwei Olf aus, ein starker Raucher eklige 25, und ein Fußballer bringt’s nach dem Spiel auf schweißtreibend ehrliche 30 Olf.
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Aber wie olft ein Leser? Wie duftet ein Buch, wie riecht ein Rezensent? Wenn diesem ein Roman stinkt, verduftet der Leser, und das Buch muffelt nach Makulatur. Lobt er es dagegen über den grünen Klee, riecht es nach hundertolfigem Bestseller.
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Damit lassen wir alle Olf-Alberei hinter uns und nähern uns einem literarischen Allzeitproblem: Die Macht der Rezensenten und die Ohnmacht der Schriftsteller, die mit einem schnellen Verriss um die Früchte ihrer vielmonatigen Arbeit gebracht werden oder aber durch superlative Lobhudelei in den Literatur-Olymp aufsteigen können.
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Dazwischen gibt es – fast – nichts. Nur den Leser, der sofort zu seinem Buchhändler laufen möchte, wenn er liest: »Mit den Parallelgeschichten schrieb Peter Nadas den großen Roman dieses Frühjahrs, jetzt gilt der Ungar als Nobelpreiskandidat« (Welt am Sonntag). Auch den neuen Erzählband von Ralf Rothmann müssen wir natürlich sofort kaufen, denn »die besten Geschichten haben die Eleganz und Ökonomie großer amerikanischer Erzähler (Süddeutsche Zeitung). Auch bei Sachbüchern gilt der Superlativ als Normwert. So ist »David van Reybroucks Kongo-Buch ein Meilenstein der politisch-historischen Reportage (Wams), wogegen einem Sandro Veronesi mächtig stinken wird, dass es ihm laut FAZ »nicht gelingt, aus einer vielversprechenden Idee einen guten Krimi zu machen«. Schärfere Verrisse zitieren wir erst gar nicht, denn . . . dazu später.
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Selbst Goethe litt unter Rezensenten (»Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent«). Kritiker sind ihm eine »Heerd Schwein«, klagte unser aller Dichterfürst, als sein Bestseller Die Leiden des jungen Werthers verrissen wurde. Gegen einen der schärfsten Kritiker, den Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai, reimte sich Goethe den Ärger von der Seele: »Da kam ein schöner Geist herbei, / Der hatte seinen Stuhlgang frei (…) Und legt sein reinlich Häuflein ab, / Schaut mit Behagen seinen Dreck«. . . unser Goethe! In seiner Wut wirkt er immer noch . . . richtig menschlich!
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Den Schriftstellern hilft heute oft nur die konzertierte Aktion »Kollegen helfen Kollegen« – indem sie selbst Rezensionen schreiben, über andere so lobend, wie dann andere über sie schreiben. Eine Hand tätschelt die andere, zum Beispiel die von . . . auch dazu später.
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Es folgt ein Bekenntnis in Stichworten: Vor einigen Jahren den Roman eines Schriftstellers hymnisch gelobt: »Jahrzehntwerk, grandios, sprachmächtig, witzig, einfach umwerfend gut.« Das Buch war der letzte Teil einer Trilogie. Danach erst die beiden Vorgänger gelesen. Sehr enttäuscht. Stabreimend geurteilt: »Zwei Püpse und ein Paukenschlag.« Wollte dennoch mit dem Autor in Kontakt treten, um ihn unseren Lesern vorzustellen, denn Teil drei war einfach zu gut. Als Referenz des dem Schriftsteller unbekannten Journalisten die Eloge auf das Jahrzehntwerk beigelegt, aber ehrlicherweise auch die »Püpse«. Was kam: Krachendes Echo eines zutiefst Beleidigten, der seine bitterböse Ablehnungs-Mail nicht mit freundlichen Grüßen beendete, sondern mit »Pups!« Dennoch am Ball geblieben, erneut gemailt, der Autor mailte zurück, schließlich traf man sich hoch im Norden in der Wohnung des Autors, alles war gut, alles ging gut, und der Journalist schrieb zu Ehren des Autors eine ganze und überaus positive (Bücher-)Seite. Ein neues Buch kam heraus, eine Kurzgeschichten-Sammlung, ebenfalls großartig und große Literatur, ebenfalls im eigenen Blatt gefeiert.
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Danach freute sich der Redakteur auf einen neuen Roman seines neuen Lieblingsautors. Der wurde vorab von bekannten und einflussreichen Schriftstellern und Literaturszenemenschen über den grünen Klee gelobt, als Krimikrimi auf Literaturgenie-Niveau. Buch gekauft. Er las . . . und konnte es nicht fassen. Täuschte er sich? Er las weiter … und weiter. Und gab auf. Bemüht originell, stilistisch längst nicht auf des Autors Paukenschlag-Höhe, mühsam trendig (mit youtube&Co.-Verwurstungen), krude, kraus und zudem langweilig, und es beschlich den enttäuschten Nichtweiterleser der Verdacht, der Autor habe sich von seinen literarischen Freunden und Gönnern (er gilt schließlich schon seit Jahren als deren Geheimtipp) wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Manege ziehen lassen: Zeig mal, was du kannst! Tanz ganz oben mit, auf der Höhe der Zeit!
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Was macht der Redakteur nun, der (aus seiner womöglich beschränkten Sicht) Lese-Zeuge eines schweren Buchunfalls geworden ist? Schreibt er einen gewaltigen Verriss? Lügt er und lobt das Buch, in alter Verbundenheit und Treue? Er schreibt … nichts. Und auch dieser Text hier nennt weder Titel noch Verfasser. Der Redakteur weiß: Das ist erstens Feigheit und zweitens kein Journalismus. Er hofft aber, ohne understatement, zu dumm für das Buch gewesen zu sein, oder es zumindest beim ersten Versuch nicht verstanden zu haben, nicht das Knöpfchen gefunden zu haben, so geht’s einem ja manchmal, man fängt dann Monate später noch einmal an und versteht nicht mehr, dass man das tolle Werk damals nicht würdigen konnte.
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Das Buch liegt auf dem Nachttisch, dort bleibt es liegen, und irgendwann, hoffentlich, kommt der große Knall, erkennt der zuvor ignorante Nicht-Rezensent: kein Pups, sondern ein Paukenschlag. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle