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Nachdruck (vom 10. Mai): Das verwünschte Sitzen!

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Heute mit Ausschnitten aus zwei Kolumnen, von denen eine in der Lieblingsquatschliste von »gw« weit oben steht . . . nein: sitzt.
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Wir Sportler wissen, dass Sport die beste Schule fürs Leben ist. Zumindest die beste Rückenschule. Das beginnt bei den wichtigeren täglichen Verrichtungen wie dem Bierkastenschleppen. Hierbei schweben sportunerfahrene Heber ständig zwischen Hexenschuss und Bandscheibenvorfall, wenn sie mit durchgedrückten Knien und Rundrücken den Zwanzig-Kilo-Kasten ruckartig hochreißen wollen. Sportler heben seit ihren frühesten Bierkasten-Zeiten so: Knie gebeugt, Rücken gerade. Und nun gibt uns auch die Wissenschaft recht: Nach einer Studie der Uni Ulm verringert sich der Druck auf die Bandscheiben von 23 (Rundrücken, Knie steif) auf 17 Bar, wenn man sportgerecht hebt (zum Vergleich: im Autoreifen herrschen Druckverhältnisse von 2 Bar). Sport stärkt das Rückrat aber nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Wir Sportler haben daher genügend Selbstvertrauen, gegen die »Sitz gerade!«-Terroristen hingefläzt anzulümmeln, wenn wir nur mit in die Stuhllehne eingehakten Schulterblättern verhindern, daß wir mit dem Hintern vorne an der Sitzfläche hinunterrutschen. Denn die Ulmer Studie bestätigt unsere Erfahrungswerte, dass diese Stellung die gesündeste und bequemste ist: 50 Prozent weniger Druck als beim vorschriftsgemäßen geraden Sitzen ohne Lehne oder beim sogar noch etwas »bedrückenderen« Stehen am Lesepult. (15.8.1998)
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Stets auf der Suche nach bedenkenswerten Definitionen, die wir den interessierten Lesern zur Diskussion anbieten könnten, stießen wir im »Versuch einer Encyklopädie der Leibesübungen« von Gerhard Ulrich Anton Vieth, dem Schreckgespenst vieler Sportstudenten (falls sie heute überhaupt noch den Schinken von 1795 lesen müssen) auf das Thema Sitzen. Vieth warnt: »Bey dem beständigen Sitzen, wozu heut zu Tage die Kinder, insbesonderheit die von guter Erziehung, die so viel zu lernen haben, genöthigt werden, bey diesem, man möchte sagen, verwünschten Sitzen, welches der ganzen Natur des Knaben zuwider ist, werden die Geschlechtstheile in einer immerwährenden großen Wärme erhalten, und die Stellung des Sitzens ist an sich sehr geschickt, an diesen Theilen Reiz zu erregen. Werden die Kräfte dagegen auf andere Art aufgewandt, so ist der Zufluß nach den Geschlechtsgliedern weniger stark. Welches herrliche natürliche Mittel geben also gymnastische Übungen, um Knaben vor der Onanie zu bewahren! Laßt den Knaben den Tag über sich müde laufen, ringen, springen, voltigieren, usw. – die für diesen Tag erschöpfte Natur wird keine andere Auswege suchen. Wenn er ermattet am Abend auf sein Lager hinsinkt, so wird der Schlaf ihn überraschen, ehe er an etwas anderes denken kann. Selbst solche, die dem traurigen Übel schon bekannt sind, werden auf diese Art davon zurückzubringen seyn.«
Mein lieber Vieth! Schon damals hatten also die Erwachsenen nicht die geringste Ahnung von ihren Jugendlichen, in diesem Fall von ihrer unerschöpflichen Natur. Und wenn Sie, liebe Leser, demnächst mal auf dem Amt zu tun haben, an die Tür des Beamten klopfen, der für Ihren Anfangsbuchstaben zuständig ist, und der macht und macht nicht auf, und wenn sie dann nach zehn Minuten endlich wagen, unaufgefordert einzutreten und sie ihn scheinbar unbeschäftigt still und zufrieden auf seinem Stuhl sitzen sehen, dann wissen Sie jetzt: Der schläft nicht, der faulenzt nicht, DER HAT ZU TUN!
 (5.11.2003)
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Sie lasen eine Kolumne, im Stehen geschrieben von: (gw)

Aktuelle Zugabe: Bequeme Sitzhaltung eines Luchses im Osnabrücker Zoo, hoch oben im Baum. Für die erwähnten menschlichen Zwecke allerdings nicht zu empfehlen.

Baumhausbeichte - Novelle