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Sport-Stammtisch (vom 5. Mai)

Wieder diese kleine Schrecksekunde. Erste, also wichtigste Meldung in den HR-Nachrichten: »Grünen-Chefin Claudia Roth fordert EM-Boykott.« Einmal tief durch- und dann erleichtert aufatmen – denn wie Roth wollen alle Politiker (außer ein paar wenigen sehr irregeleiteten), dass nur die Politiker boykottieren sollen. Prima! Endlich ein Boykott, der meinen Sportseelenfrieden nicht stört. Wenn die Politik boykottiert, ist das vielleicht eine gute, vielleicht jedoch auch eine kontraproduktive, in jedem Fall aber ausschließlich eine Sache der Politik. Und da gehört sie auch hin.
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Wir Sportler können uns also entspannt zurücklehnen. Uns interessiert sowieso nicht, welche und wie viele Politiker auf der Ehrentribüne sitzen. Außerdem: Das könnte ruhig Schule machen, denn wenn gar keine Politiker mehr auf den EM-, WM- oder olympischen Ehrentribünen säßen, kämen die schönen teuren Plätze in den freien Verkauf und UEFA, FIFA oder IOC als Veranstalter könnten den Erlös spenden, zum Beispiel, ja, warum nicht, für amnesty international.
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Wir staunen auch, dass die Dame, um die es geht, bei uns als zerbrechliches weißes Friedenstäubchen gilt, obwohl sie stählerne Klauen und Schwingen hat, doch auch das ist nicht unser Thema. Eher schon das Empörungsmanagement (ja, das gibt’s!), das bei öffentlichen Erregungsthemen regulierend eingreifen soll, im Medien-Leben aber meist anheizend eingesetzt wird.
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Wie jetzt bei jenem »Skandal«, der kurzfristig sogar das EM-Boykotterl als Top-Thema ablösen konnte. Früher hatte der »Spiegel« noch echte Skandale anderen Kalibers aufgedeckt, aber jetzt: Der eine oder andere sexuell spätunreife Aldi-Mitarbeiter soll Kundinnen, die sich über die Tiefkühlregale lehnten, mit der Überwachungskamera in den Ausschnitt gelinst haben – ist es zu glauben!? Dass in Zeiten jedermann und jedem Kind frei zugänglichen Ekelpornos im Internet ein erwachsener Mensch seinen heimlichen Gefallen daran findet, ins Dekolleté . . . von Aldi-Kundinnen!?
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Nein, kein Wort mehr dazu, sonst steigt mir die liebste Zielgruppe aufs Dach. Sehr irritierend allerdings, dass nun in Internet-Kreisen nicht Ariane Friedrich, sondern ihr perverser Stalker als »Opfer« bemitleidet wird, aber auch zu diesem Thema hier nichts mehr, denn weitere Diskussion schadet nur der Konzentration und damit der olympischen Leistung der Athletin. Ich drücke beide Daumen für London!
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Wir haben ja auch viel angenehmere Themen. Wie die Farben des FC Augsburg. Weil mir’s gut in den BVB-Vergleich passte, stellte ich zuletzt das Gelb im FCA-Wappen zu sehr heraus. Dazu schreibt Michael Ambrosius: »Der Augsburger Fan ist ja schon euphorisiert, wenn der Name seines Vereins in einer Zeitung erscheint, die nicht ›Augsburger Allgemeine‹ heißt. Dafür DANKE!!! So ist es auch bei mir, den es beruflich in die Wetterau verschlagen hat. Nur bitte: In unseren Vereinsfarben ist das Gelb nur dazu da, das Rot – Grün – Weiß in den Vordergrund zu bringen.« Zum Beweis fügt unser Bad Nauheimer Leser die FCA-Vereinshymne bei. Auszug: »Wir waren oben / waren unten / haben manche Chance / schon versiebt / haben uns gequält und / uns geschunden / gehofft dass uns der Fußball-Gott vergibt (…) Rot, Grün, Weiß sind die Farben unseres Traums, der FC Augsburg heißt / und den tragen wir im Herzen dieser schönen Stadt / mit den wunderbarsten Fans, die nicht ein jeder hat.« – Hübsche Hymne, gelle Eintracht?
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Noch mal zur »kleinen Schrecksekunde«. Seit dem ersten Satz quält mich die Furcht, unsere Leser könnten mir den Satz tautologisch krummnehmen. Doch nur eine kurze Schrecksekunde wäre doppelt gemoppelt (und eine lange paradox), meine Schrecksekunde war eine kleine, weil auch der Anlass klein war.
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Was uns sprachlich zu Arjen Robben führt, der seinen Vertrag beim FC Bayern verlängert hat. Hoffentlich mit Ausstiegsklausel des Klubs für den nicht unbedingt unwahrscheinlichen Fall, dass Holland bei der EM Deutschland ausschaltet – dank eines von Robben erschwalbten Elfmeters. Im »Spiegel« stehen einige böse treffende Sätze über den Holländer (einige davon werden am Dienstag in »Ohne weitere Worte« auftauchen), heute interessiert uns sprachlich aber nur dieser: »Gegen ihn spricht, dass er von 90 Minuten auf dem Platz 85 Minuten eine Flunsch zieht. Weil er beleidigt ist. Robben ist eigentlich immer beleidigt, wenn er den Ball nicht hat.«
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An anderer Stelle steht im »Spiegel« noch einmal: »eine Flunsch«. Doch laut Grimms Wörterbuch heißt es »der Flunsch« (und ist ein »verzogenes, schmollendes Maul«). Wenn Sie, liebe Leser, und mich unsere Mitmenschen wieder einmal auffordern, »nicht so einen Flunsch« zu ziehen … haben sie also recht! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle