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Generation Rücksitz (Nach-Lese vom 5. Mai)

Wenn ich wüsste, dass die Piraten uns nur den Narrenspiegel vorhielten – wie gerne wäre ich dann ihr heimlicher Fan! Selbst gegen den Vorwurf, kein politisches Programm zu haben, würde ich sie verteidigen: Haben denn andere Parteien so etwas? Oder nur eine Software, die täglich updated, welche Aussagen zu welchen Themen die meisten Stimmen versprechen? Meine Beinahe-Freunde gaben sich ja auch einen fast überdeutlich die Satire kenntlich machenden Namen, denn schon die Freibeuter der Weltmeere raubten das Eigentum anderer. Doch dann wurden sie, Scherz lass nach, in die Parlamente gewählt, und wenn der Trend hält, was er androht, sind sie bei der nächsten Bundestagswahl mehr als nur das Zünglein an der Waage. Schon scharwenzeln die aufgescheuchten Altparteien um sie herum, und ich stelle resigniert fest: Die Piraten sind keine Satiriker, sondern Realsatire.
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Leider haben auch wir, die Journalisten und ihre Verlage, die kleinen Piraten großgezogen, indem wir unsere Arbeit auf dem Online-Spielplatz verschenkten und verschenken. So gesehen waren wir vor der Politik die ersten Scharwenzler, und überhaupt trugen die Intellektuellen inner- und außerhalb der Kulturszene ihr Maß an Schuld bei, indem sie jegliche Kritik an den vorwitzigen Kindern vermieden, um nicht altväterlich oder gar »uncool« genannt zu werden, was schließlich die schlimmste Beleidigung ist, die einem altväterlich uncoolen Intellektuellen an den Egghead geworfen werfen kann.
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Doch langsam kommen sie, kommen wir auf den Trichter, wer und was die Eigentums-Freibeuter wirklich sind: Von gesellschaftlicher Revolution, von der im Establishment ergraute Altrevoluzzer nostalgisch träumen, so weit weg wie die Erde vom Mond und so erfrischend wie abgestandene Alkopops nach einer Komasauf-Fete. »Eine Generation, die die Bundesrepublik nie anders als wohlhabend und demografisch intakt erlebte. Eine Generation, die auf dem Rücksitz der Autos ihrer Eltern sozialisiert wurde, auf dem realen Rücksitz bei der Fahrt zur Schule und zum Computerkurs oder auf der metaphorischen Rückbank des angesammelten öffentlichen und privaten Reichtums.« (Focus)
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Schönes Rücksitz-Bild des Focus: »Vorn sitzt jemand, der lenkt, der sich verantwortlich fühlt, der das Auto und das Benzin im Tank bezahlt hat. Vom Rücksitz aus muss man sich nicht um den Verkehr kümmern, man kann stattdessen Wünsche nach vorn rufen und sich angenehmen Verteilungsfragen widmen. Angenehm deshalb, weil man ja nichts Eigenes verteilt.«
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Dass ihre popbunten Klamotten die Piraten noch nackiger machen als den Kaiser seine neuen Kleider, das begrummelt nun sogar der seit jeher revolutionär angehauchte Hans Magnus Enzensberger in einem Telefonat mit dem Spiegel: »Politisch? Nein, politisch ist da eine Leerstelle. Revolutionär ist da erst recht nichts. Es ist sogar überraschend spießbürgerlich. Wie bei unseren Großeltern, die sich gefreut haben, wenn es was umsonst gab.«
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Vor einem Vierteljahr, die kleinen Piratenpflänzchen wurden noch gehegt und gepflegt, eckte ich mit dieser Kolumnen-Frage an: »Wir wollen die Brötchen, die der Bäcker im Laden für teuer Geld verkauft, im Internet kostenlos runterladen. Oder habe ich die Botschaft der Anti-ACTA-Aktivisten missverstanden?« Nun legt Enzensberger nach: »Ich frag mich, warum die nicht zum Bäcker gehen und da sagen, dass sie lieber nicht bezahlen wollen.« Liest er uns, der Enzensberger? Lädt er uns für lau runter?
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Aber nun scheinen die Dämme zu brechen, Sven Regener sei Dank. Seit der Schriftsteller (Herr Lehmann) und Musiker (Element of Crime), der vom »Freiheitsbegriff« der Piraten doppelt betroffen ist, in einer Sendung von Bayern 2 einen Wutanfall erlitt und loslederte, »dass man uns ins Gesicht pinkelt« (Süddeutsche Zeitung), wagen sich auch andere Kulturschaffende vor. In einem Streitgespräch im Spiegel kontert der Popmusiker Jan Delay den Piraten-Abgeordneten Christoph Lauer, der den Musik-Klau im Netz für richtig hält (»Es geht doch um den 15-Jährigen, der kaum Geld hat«). Delay: »Wenn der 15-Jährige im Supermarkt eine Flasche Wodka klaut, soll man das dann auch erlauben, weil der Junge kein Geld hat?«
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Jan Delay bringt auch den ganzen Unfug des Piraterie-Booms auf den Punkt: »Unabhängig von der Urheberfrage erscheint mir das ganze Piratenpartei-Ding, als käme da jemand um die Ecke und sagt: Ey, wir sind hier eine Partei und es gibt Schokolade für alle umsonst. Und ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Schokolade umsonst, das ist doch mal Politik.«
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Folgerichtig kandidierte Julia Schramm auch für den Parteivorsitz (sie kam auf Platz vier), die »den Begriff des geistigen Eigentums für ›ekelhaft‹ hält«, aber ein Buch schreibt, das, »in den kapitalistischen Kreislauf eingespeist, in Buchhandlungen für 16,99 Euro und im Netz zu kaufen« ist (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
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Die Kulturschaffenden wollen sich nicht mehr von den Piraten wehrlos entern lassen. Über Kommentarschlagzeilen von Bild (»Piraten sind Freibier-Freibeuter«) über Bild am Sonntag (»Umsonst ist geklaut«) bis zum Spiegel (»Aufstand der Autoren – nun formiert sich Widerstand«) geht die große Koalition der späten Wehrhaften, wobei »große Koalition« das Stichwort ist für die letztendliche politische Wirkung, die von den Piraten nach Lage der Dinge ausgehen wird.
Dass allerdings die Deutsche Presseagentur meldet, »Der Anti-Piraten-Einsatz der Bundeswehr soll ausgeweitet werden«, das geht selbst mir zu weit! (gw)

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