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Sport-Stammtisch (vom 28. April)

Nun dürfen wir die Kolumne tatsächlich mit dem gleichen Satz beginnen wie am vergangenen Samstag: »Statt mit Intergalaktischen aus Madrid und Traumhaften aus Barcelona ein erdenschweres Old-School-Finale mit BVB-geschädigten Bayern und knorrigen Chelsea-Senioren . . . «
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Bevor mir hellseherische Kräfte bescheinigt werden: Der Satz ging weiter: » . . . das wäre ein Treppenwitz der Fußball-Historie.«
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Die Unwägbarkeit des Fußballs, die Albernheit des dennoch Bescheidwissenwollens und der Flachsinn der Statistikerei: Was fühlten Bayern-Fans, was dachten Experten nach der ersten Viertelstunde? Katastrophe! Warum kippte das Spiel von Katastrophe zum Triumph? Warum beherrschten die Bayern den Gegner plötzlich kämpferisch und auch spielerisch? Und: Kann bei etwa 120 Prozent Ballbesitz von Barca gegen Chelsea noch irgendjemand diese scheinbare statistische Relevanz auch nur ansatzweise ernst nehmen?
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Im Fußball ändert sich die Gefühlslage schneller, als man Zeitungen drucken kann. Und viel zu schnell für Zeitschriften. Am selben Tag, an dem der »Stern« mit einer großen Klopp-Titelgeschichte herauskam und den BVB feierte, feierten alle anderen die Bayern. Gewinnen die Bayern den DFB-Pokal und die Champions League, spricht niemand mehr vom BVB, und schafft dieser das Double und verliert München das Finale gegen Chelsea, spricht niemand mehr vom Halbfinal-Triumph der Bayern.
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Es gibt also das erwartete spanische Finale – aber nur in Beckenbauers »Verlierer-Pokal«. Was kaum (noch) jemand weiß: Als Beckenbauer Fußball-Diplomat wurde, wollte er seine flapsige Abwertung aus der Fußball-Welt schaffen und erfand einen neuen Namen für den UEFA-Pokal: »Wettbewerb der unglücklich Gescheiterten.« Was sich nicht durchsetzte, obwohl bzw. weil es so schön politisch korrekt klang wie »Pokal der andersartig Begabten«.
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Sollte man Real und Barca um Platz drei spielen lassen? Und der Sieger gewinnt den Pokal der unglücklich Gescheiterten? Nein, das wäre ja falsch, denn Real ist nicht unglücklich, sondern an besseren Bayern gescheitert. Also doch »Pokal der andersartig Begabten«? Wer den Schaden hat . . .
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Auch der spanische König scheint einen »Schaden« zu haben. Man stelle sich bloß vor, unser Problem-Prinz aus Hannover würde im Frankfurter Zoo Elefanten totschießen!
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Ich will niemandem einen Bären aufbinden, auch nicht den, der Juan Carlos einst vor die Flinte lief. Beziehungsweise wankte. Denn des spanischen Königs russische Gastgeber hatten einen zahmen Bären mit Wodka duselig gemacht, ihn in einen Käfig gesteckt und in die sehr kurzfristige Freiheit entlassen – in bequemer Blattschussweite für den König. In realsozialistischen Zeiten wurden dem ebenso alkoholzittrigen wie schießwütigen Leonid Breschnew die Bären sogar schussgerecht an Bäume gebunden.
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Juan Carlos? Da war doch mal noch was ganz anderes? Ach ja: Als der König auf einem Iberoamerika-Gipfel in Chile den penetrant langzeitredenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez anfuhr: »Por que no te callas!?« (»Warum hältst du nicht das Maul«), wurde die Originalaufnahme des Wutausbruchs in Spanien der beliebteste Klingelton.
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Was Juan Carlos mit Sport zu tun hat? Nun, sein Schwiegersohn Inaki Urdangarin war einer der besten Handballer Spaniens, sitzt zur Zeit aber auf der Strafbank. Auf der des Gerichts, wegen Veruntreuung und anderer unlauterer finanzieller Machenschaften.
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Juan Carlos hat aber auch aktiv etwas mit Sport zu tun, nicht nur als Sportschütze, jedenfalls taucht er in einem speziellen Ranking an dritter Stelle auf: »1500 Geliebte soll Juan Carlos gehabt haben«, schreibt der »Spiegel«, also nur 500 weniger als der auf Platz zwei notierte Ex-Basketballer Dennis Rodman (»Ich hatte Sex mit 2000 Frauen«).
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Ob es die Spanier tröstet, dass in dieser speziellen Champions League immer noch ein Landsmann unangefochten vorne liegt? Julio Iglesias hat eigenen Angaben zufolge erst bei 3000 aufgehört zu zählen (weil er altersbedingt nicht mehr kann oder nicht mehr zählen kann?). Und hier schließt sich unser spanischer Kreis zurück zum Fußball, denn Iglesias war, bevor er Schnulzen sang, Ersatztorhüter von . . . Real Madrid! Lang, lang ist’s her. Damals fing sich Iglesias noch mehr Tore ein als Frauen.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle