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“Nachdruck”: Wer wen? Oder was? (Anstoß vom 25. April)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Beim Sichten des eigenen Archivs fallen neben »großen« Themen (Stich- bzw. Reizworte: »Doping«, »Eintracht Frankfurt«, »Okocha«, »Olympia«, »Rassismus« oder »Jan Ullrich« ) auch immer wieder die kleinen, manchmal abseitigen auf, vom Gebrauchtbobbycarhändler Florian Silbereisen über Penisverletzungen durch Staubsauger bis zur Psychologie des Auswurfs oder Wolfgang Clements zurückklappbares Zäpfchen beim Ex-Trinken. Doch dazu in einem späteren »Nachdruck«. Heute beschäftigen wir uns mit einem Stichwort (»Sprache«), unter dem sogar noch mehr gw-Texte zu finden sind als unter »Doping«, und um topaktuell zu sein, greifen wir eine beliebte Missverständlichkeit auf, denn sie erlaubt uns eine absolut sichere Vorhersage des heutigen Champions-League-Spiels: Subjekt-Objekt-Verschiebungen.

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Dieses herrliche Exemplar fanden wir in der »Rheinischen Post«: »Mehr als 50 Frauen sollen zwei Westafrikaner nach NRW eingeschleust und zur Prostitution gezwungen haben.«  (7.4.2001)
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Aus der Vorschau der »Süddeutschen Zeitung« auf das gestrige Zürich-Rennen: »Vorjahressieger Laurent Dufaux nennt Telekom-Sprecher Olaf Ludwig als hohen Favoriten.« Fast so schön wie unser anatomisch äußerst interessanter Nummer-eins-Hit (ebenfalls aus der »SZ«) »Die strumpflosen weißen Füße bedecken braune Mokassins«, auf den weißen Füßen gefolgt vom ZDF (»Das Wetter präsentiert Ihnen die Dresdner Bank«).  (27.8.2001)
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Jedenfalls meldete die Tagesschau am Samstag aus Davos: »Eine Großdemonstration löste die Polizei auf.« Von derart gelungener Subjekt-Objekt-Verschiebung träumen Alt-Achtundsechziger noch heute! (26.1.2004)
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Da haben wir in jahrelanger Überzeugungsarbeit geschafft, dass beim ZDF nicht mehr das Wetter die Dresdner Bank präsentiert, sondern die Bank das Wetter, und jetzt fällt uns das Hessenfernsehen in den Rücken und lässt sein Wetter Oddset präsentieren. Das ist ungefähr so, als würde die Schlagzeile »Iran will wieder Uran anreichern« objektsubjektiviert in »Uran will wieder Iran anreichern«. Und die Welt wartet auf die konfliktentspannende Korrektur, die heißen muss: »Iran will Urin anreichern«. Das gibt’s wirklich. Ein Hormonpräparat, gewonnen aus dem Urin von Frauen, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant ist aber nicht der Iran, sondern der Vatikan – dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter an einem Ort. (14.1.2006)
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»Unbekannte Bakterien haben Forscher auf der menschlichen Haut entdeckt«, schreibt die Zeit. Wieso passen so viele Forscher auf eine einzige menschliche Haut? (17.2.2007)

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Wer wen oder was? Bei all diesen Subjekt-Objekt-Verschiebungen wird der »gemeinte« Sinn nur durch den Kontext klar, zum Beispiel, dass nicht zwei Afrikaner von mehr als 50 Frauen zur Prostitution gezwungen und dass nicht Forscher von Bakterien entdeckt werden. Daher nun die hundertprozentig zutreffende Vorhersage: Das Wetter präsentiert Ihnen die Dresdner Bank, und Real Madrid schlägt Ihnen Bayern München! Wer hier Subjekt oder Objekt ist, das verrät uns allerdings erst der (mindestens) neunzigminütige Kontext heute Abend. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle