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Sport-Stammtisch (vom 21. April)

Statt mit Intergalaktischen aus Madrid und Traumhaften aus Barcelona ein erdenschweres Old-School-Finale mit BVB-geschädigten Bayern und knorrigen Chelsea-Senioren – das wäre ein Treppenwitz der Fußball-Historie.
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Treppenwitz – im ursprünglichen Sinne ist dies ein guter Gag, der einem auf einer Party zu spät einfällt (eben erst beim Weggehen auf der Treppe), mittlerweile wird der Treppenwitz aber häufiger im Sinne von »Ironie des Schicksals« verstanden. Käme es zum außerspanischen Endspiel, wäre dies zwar auch Ironie des Schicksals, vor allem aber ein Supergag, der sogar schon vor der Party gut ankäme.
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Auch Europa League wurde gespielt, aber nur am Rande registriert, zumal die iberische Halbinsel unter sich ist. Den UEFA-Pokal taufte Beckenbauer einst zum Verlierercup um, der Nachfolger Europa League hat nicht einmal diesen Namen verdient, denn mittlerweile mischen jeweils mehrere Verlierer der nationalen Titelkämpfe als »Champions« in der Königsklasse mit, und in der Europa League spielen nur noch die Besten der Liga-Mittelklasse. Aber hieße dieser Wettbewerb sportlich korrekt »Mittelmaß-Besten-Pokal«, wären die Senderechte höchstens ein paar Kreuzer wert.
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Kreuzer aus Entenhausen wohlgemerkt, keine aus der Kriegsmarine. Die Bundesliga füllt derweil ihre Kriegskasse nicht mit Kreuzern aus Entenhausen auf, sondern mit Fantastillionen aus Murdoch-Land. Laut Medien-Ranking haben alle gewonnen, an erster Stelle die Bundesliga, dann folgen Sky, ARD, ZDF, Springer, und verloren hat nur die Telekom. Auf meiner Rangliste ist die Telekom aber der größte Gewinner, knapp vor Bild, und Sky ist der einzige, aber dafür riesengroße Verlierer. Weil: Wie einst bei Kirchs Premiere werden nun auch bei Sky vielen schlechten Millionen noch viel mehr Millionen nachgeworfen, in der seltsamen Hoffnung, die schlechten in gute Millionen zu verwandeln, die, wenn sie wirklich gut sein sollen, sogar Milliarden sein müssten.
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Wenn die Erinnerung nicht trügt, hieß es früher bei Kirch, mit einer Million Abonnenten käme man in die Gewinnzone. Der Sender, wie immer er dann genannt wurde, blieb massiv in den Miesen und machte alleine 2011 trotz mittlerweile drei Millionen Abonnenten 277 Millionen Euro Verlust. Murdoch hat mit Sky schon mehr als eine Milliarde Euro verzo … halt, nein, wie heißt das Zauberwort? Ach so, ja: investiert. Die Bundesliga staunt, lacht und freut sich. Der unverhoffte Geldsegen weckt aber Begehrlichkeiten, natürlich auch bei unserem Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen, der die Aufstockung der Liga fordert, um die Gefahr weiterer Frankfurter Unehrenrunden im Jammertal zu minimieren.
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Bot »Verlierer« Telekom ernsthaft mit? Hätte der Konzern mit dem Hauptaktionär Bundesrepublik Deutschland und dem Finanzministerium im Aufsichtsrat den Zuschlag bekommen, wären immense juristische und politische Probleme gefolgt, finanzielle sowieso. Ob die Telekom als Preistreiber Provision von der DFL erhält? Die Börse machte jedenfalls am Tag des Nicht-Coups einen kleinen Kurs-Freudenhupfer, und die Telekom rang sich nur ein Krokodilstränchen ab.
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Was im Fall Telekom Spekulation ist (der wahre Sieg im Bieter-Rennen), nähert sich bei Springer der Gewissheit. Vergleichsweise preiswert gelang der Einstieg in ein verheißungsvolles Geschäft: Bis zu sechsminütige Spielzusammenfassung schon vor der ARD-Sportschau im Internet, zwar in den ersten Stunden kostenpflichtig, aber wenn Springer seine Möglichkeiten clever nutzt, wird dies ein Hit auf PC, Laptop,  Tablets und Smartphones.
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Über wem Murdochs Sonne lacht, der braucht keinen Rettungsschirm. Aber seltsam und beunruhigend, welche gigantischen Geldströme hier wie dort zirkulieren. Wenn der inflationäre globale Trend bleibt, muss man bald tatsächlich in Entenhausener Größenordnungen rechnen. Und obwohl Fantastillionen zirkulieren, wollen bei uns Eigentums-Freibeuter alles umsonst, und die verzogenen Kinder der Geiz-ist-geil-Generation katapultieren sich mit verschrobenen Nerds-Gedanken sogar an die Spitze der Beliebtheitsliste. Vielleicht, weil es eine Beliebigkeitsliste geworden ist. Aber dazu demnächst an anderer Stelle mehr.
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An anderer Stelle, im gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«, stand schon vor fünf Wochen mehr zu jenem Mann, den die ARD nun von ihrer Beliebigkeitsliste gestrichen hat: Thomas Gottschalk. »Flop im Vorabendprogramm. Klar, alles andere hätte mich gewundert. Die Gottschalk-Zielgruppe guckt prinzipiell nicht. Die anderen, die um diese Zeit fernsehen, schalten irgendwelche seltsamen Soaps, Realities oder sonstigen Unterschichtenmurks an, aber ganz sicher keinen Gottschalk. Ich muss nicht recht haben, aber falls doch, ist die Sache nicht zu retten.«
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Nicht zu retten ist auch das große spanische Tier, das noch größere echte Tiere erlegt, und zwar auf noch viel unsportlichere Weise als in seinem Tiertöter-Volkssport. Nun wankt sogar die Monarchie: wegen Heimlichtuerei, zu hoher Kosten und Liebelei mit einer deutschen Adligen. Um den toten Elefanten, vor dem sich Juan Carlos stolz fotografieren ließ, geht es kaum noch. Wie ist es bloß möglich, dass irgendwo in Afrika ein Staat offiziell das Lusttöten von Elefanten erlaubt?
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Apropos fotografieren: Es folgt eine wahre Geschichte aus Dormagen. Eine Frau, die nachts bei Rot über eine Kreuzung geht, wird von einem perversen  Polizisten ertappt, der ihr anbietet, auf das Knöllchen zu verzichten. Bedingung: Sie muss sich von ihm per Handy    den nackten Unterleib fotografieren lassen. Sie wählt das Handy. Wie ist es bloß möglich?  »Geiz ist geil« in Reinkultur?  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle