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Sport-Stammtisch (vom 14. April)

LIES! Das zum Beispiel: Nach Jahren des Herumhackens auf netzernde Experten, die aus dem Zufall im Fußball wortreich ihre analytischen Girlanden flechten, muss zugegeben werden: Und sie haben doch recht. Der Fußball-Mittwoch lieferte den Beweis, dass kam, was kommen musste, und nicht, was der Zufall wollte. Da jagte die Dortmunder Junghundemeute eine Halbzeit lang begeistert und begeisternd über den Platz, versäumte aber wieder einmal, wie in der Champions League, die entscheidenden Tore vorzulegen. Das einzige wurde nicht gegeben, denn Robben stellte Lewandowski natürlich ins Abseits. Als der BVB sich müde getobt hatte, übernahmen die coolen Bayern das Kommando, und als Weidenfeller tapsig an Robbens Bein tätschelte, nahm der Fallsüchtige die Einladung an und verwandelte den fälligen Elfmeter sicher wie immer. Dortmund wehrte sich, wurde aber ausgekontert, Robben ließ sich das Geschenk eines ihm vor den Fuß fallenden Balles nicht entgehen – 2:0 für die Bayern. Typisch Bayern!
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Ach so, alles ganz anders? Franz Beckenbauer, ganz der Girlanden-Experte, weiß auch, warum: Weil der Gefoulte den Elfmeter nicht schießen darf. Alte Fußballer-Regel, ungefähr so alt und richtig wie »Wer 1:0 führt, der stets verliert«. Wahr ist, dass laut Statistik die Gefoulten sogar prozentual häufiger treffen als Ungefoulte – und Robben auch als Gefoulter bisher immer.
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Zwar fällt Robben gern und oft, und seine Theatralik geht nicht nur Gegenspielern auf die Nerven, doch dass ein eher zarter, filigraner und pfeilschneller Stürmer wie Robben bei knorrig herandrohendem Sensenbein in vorauseilender Notwehr schon vor dem Tritt zum Abflug abhebt, ist das nicht nachvollziehbar? Nein? Weil das gefährdetste potenzielle Sensenbein-Opfer der Welt nie den Robben macht? Stimmt. Andererseits: Der Einzigartige wird auch weniger gefoult. Warum? Weil Messi selbst die Gegenspieler mögen, Robben aber nicht mal die Mitspieler?
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Aber wie Robben die Niederlage hin- und annahm, war aller Ehren wert. Überhaupt gewannen die Bayern in der sportlich fair ertragenen Enttäuschung neue Sympathien, während sich etwas empfindsamere BVB-Fans schon wieder fremdschämen mussten, nach Großkreutz in Fürth (und den Schmähgesängen dort in der Kabine) nun wegen Subotic, der Robben eklig angeiferte.
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Wenn die Zufälle sich häufen, gleichen sie sich aus, und der Bessere gewinnt. Manchmal schon das Spiel, wie am Mittwoch, aber immer nach 34 Spielen. Dann steht der vorne, dessen System besser funktioniert als das der Konkurrenz. Dass Klopps System ein gutes und das von Heynckes nur eins der guten Spieler ist, spielt dabei keine unwesentliche Rolle.
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Und nun zu etwas ganz anderem. Aprilscherze. Lange habe ich gezögert und nachgeforscht, aber drei von ihnen haben sich tatsächlich als unfassbar nackte Wahrheit herausgestellt. Kein Scherz also, dass Bettina Wulff ein Buch über ihre 598 Tage als First Lady schreibt, kein Scherz auch, dass Real Madrid in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein milliardenteures »Real Madrid Resort Island« baut und, um muslimische Gefühle nicht zu verletzen, dort in vorauseilender Unterwerfung das christliche Kreuz aus seinem Wappen entfernt.
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Apropos Muslime und der Koran: Salafisten, seid wachsam! Ein Agent des Papstes hat sich undercover bei euch eingeschlichen und die schöne, verdienstvolle Koran-Aktion mit dem Stempel »LIES!« verleumdet. Nur im Hessischen bestünde keine Verwechslungsgefahr des deutschen Imperativs mit dem Plural des englischen Substantivs, denn bei uns heißt das: LES!
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Der dritte Aprilscherz, der keiner ist: In einer lustigen, schon leicht angeschickerten Runde hatte man beschlossen, »Die Partei« des ehemaligen »Titanic«-Chefredakteurs Martin Sonneborn mit einer noch absurderen Idee zu toppen: Gründung einer Partei, deren einziger Programmpunkt die Legalisierung des Diebstahls ist. Um sie als Satire kenntlich zu machen, gab man der Partei auch den entsprechenden Namen, denn schon die Freibeuter der Weltmeere raubten das Eigentum anderer. Die also Piraten Genannten bekamen schnell Zulauf von anderen Humorbegabten, aber auch von überaus kinderfreundlichen Sympathisanten, die – wenn schon, denn schon Legalisierung – auch das Recht auf freie Ausübung ihres Hobbys propagierten. Nun hätten die Gründungs-Satiriker alleine deshalb schon den Aprilscherz aufklären müssen, doch dann wurden sie, Realsatire ist halt doch die beste, in die Parlamente gewählt, und dort buhlten plötzlich alle um sie, jeder will mit ihnen koalieren, fast schon kopulieren, und klammheimlich klamüsern die Ranschmeißer in ihren Parteibüros aus, wie man den Begriff »geistiges Eigentum« umbenennen könnte, um den Diebstahl mitzulegalisieren. Stand heute: »Geistiges Eigentum« heißt jetzt »Immaterialgüterrecht«, und solch ein hässliches Wort darf man ja wohl samt Inhalt ausmerzen.
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Aus Spaß wurde Ernst, und der lernt jetzt laufen – von den Talksshows in die Parlamente und zurück und hin. Aber Vorsicht, auch die Legalisierung hat ihre Tücken. Wie in Griechenland, wo die vielen Schwarzbauten im Lande nachträglich legalisiert werden können. Luftbildaufnahmen belegen nun aber, dass auf den gemeldeten Grundstücken vieler Selbstanzeiger gar kein Haus steht – die Schlitzohren interpretierten die nachträgliche Legalisierung einfach als billige und schnelle Vorab-Baugenehmigung.
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Um unsere cleveren Griechen müssen wir Philhellenen uns also keine Sorgen machen. Sorbas tanzt. Und feiert an diesem Wochenende Ostern. Keine nachträgliche Legalisierung, sondern orthodoxer Kalender.  Kaló Páska! (= Frohe Ostern!)  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle