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Sport-Stammtisch (vom 7. April)

Nach den Fußballern, den Basketballern und den Handballern verabschieden sich auch die Wasserballer von ihrem Olympia-Traum – wenn der deutsche Mannschaftssport weiter derart die Themse runtergeht, verlieren am Ende sogar noch die deutschen Dressurreiter eine Team-Medaille. Wie geht’s eigentlich Totilas?
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Dass auch die Europa League in ihrer finalen Phase DFB-frei bleibt, passt nicht so recht in die neue deutsche Fußballherrlichkeit. Gilt nicht die spanische Liga hinter Real und Barca als ziemlich schwach? Und dennoch sind Schalke und Hannover nach dem Ausscheiden gegen »schwache« spanische Klubs auf das Erreichte stolz wie ein Spanier.
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Zum Glück gibt’s die Bayern. Immer noch der einzige deutsche Klub (sorry, BVB!), vor dem die internationale Konkurrenz echten Respekt hat. Respekt? Nur Respekt? Bei Real schlottern ja schon die Knie! Und da in München die halbe deutsche Nationalmannschaft spielt, muss es bei der EM auch nicht die Neiße runtergehen. Oder?
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Fußball-Schwadroniererei und Oder-Neiße-Alberei – Schluss mit diesem Pipifax, mit Pipilotti werden wir ernsthaft: Im »Anstoß« vom Donnerstag beantwortete die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist in ganz anderem Zusammenhang unsere ewige Frage, warum wir das oft sehr zufällige Ergebnis eines Fußballspiels dennoch als logisch zwangsläufig erklären (lassen) wollen: »Ganz oft regiert der Zufall, aber es ist leichter zu ertragen, wenn wir etwas für logisch halten.«
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Die Kolumne mit dem Titel »Pipilotti, der Fußball und die schwarzen Schwäne« stand an jenem Tag im Blatt, als Schlagzeilen wie »Polizei-Schande« (Bild) dominierten, konnte daher – reiner »Zufall« – auch als Kommentar zur Emdener Tragik aufgefasst werden. Nicht nur im Fußball wollen wir das zufällige Ergebnis logisch erklären (das Netzer-Syndrom), sondern wir neigen überhaupt dazu, uns die Illusion einer erklärbaren Welt zusammenzulogeln. Wenn das Böse, das Furchtbare ins Leben einbricht, hilft uns das Schuldzuweisenkönnen ein wenig über das Grauen und die Hilflosigkeit hinweg. Dann war es eben kein Zufall, sondern logisch erklärbar und durch entsprechende Vorsichtsmaßnahmen verhinderbar.
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Stellen wir uns doch einmal vor, wir wüssten nicht, was geschehen ist bzw. geschehen sollte, aber erfahren von einem jungen Mann, der mit seinem Stiefvater zur Polizei geht und sich selbst bezichtigt, Kinderpornographie zu besitzen und ein kleines Mädchen nackt fotografiert zu haben. Bei allem Ekel, bei aller Widerwärtigkeit verspüren wir doch so etwas wie eine Ahnung von Achtung vor dem jungen Mann, der sich seiner unheilvollen Neigung bewusst zu sein und gegen sie vorzugehen scheint, mit Hilfe der Familie und professioneller Behandlung. Was hätten wir getan? Wegsperren oder sonstige Zwangsmaßnahme? Gewiss sind da auf dem Dienstweg Pannen passiert. Aber gibt es nicht täglich viele Situationen, auf Polizeiwachen und anderswo, bei denen auf die gleiche Weise nicht-reagiert wird? Und würde eine Reaktion, wie wir sie im Nachhinein verlangen, nicht als Überreaktion kritisiert werden, solange sie nicht durch das, was wir erst hinterher wissen, gerechtfertigt erscheint?
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Diese Gedanken notierte ich auch im Blog »Sport, Gott & die Welt«. Darauf reagierte Dr. Sylvia Börgens, Diplom-Psychologin aus Wölfersheim, die auch trauernde Angehörige betreut: »Danke für Ihren gedankenvollen Kommentar zur ›Schande‹ der Emder Polizei. Ja, es ist ein seelischer Mechanismus, die Erschütterung in Empörung über tatsächliche oder vermeintliche Versäumnisse umzumünzen, weil wir Zorn besser ertragen können als Hilflosigkeit. Ähnlich ist es mit den Schuldgefühlen bei Trauernden: ›Ich hätte doch merken müssen, dass das keine normale Grippe war‹ – ›Als seine Frau hätte ich doch erkennen müssen, wie schlecht es ihm in Wahrheit ging‹ – solche Äußerungen erlebe ich oft. Ich deute sie als einen Versuch, grübelnd die ›Weiche‹ des Lebens, an der die verhängnisvolle Wendung passierte, in die andere Richtung umzulegen. Insofern sind diese Schuldgefühle auch eine Form der Selbstüberschätzung.«
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Einmal tief durchgeatmet, und jetzt die Weiche umgelegt in die übliche Kolumnenrichtung: Ciao Caio! Wenn er – wie gemeldet und nur halbherzig dementiert – die Eintracht verlässt, hinterlässt er noch am Ende unseren Anfangseindruck: »Caio spielt Mädchenfußball auf hohem Niveau, technisch anspruchsvoll, aber zu unathletisch, unspritzig und durchsetzungsschwach für die raue Männer-Ligawelt.«*
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Das war ein dicke Lippe riskiert in Zeiten, als Frankfurter Fußball-Traumtänzer in Caio noch ihren neuen Helden feierten. Wer an Ostern eine dicke Lippe riskieren will, sollte die Fitnessübung des großen Jazztrompeters Till Brönner nachahmen, der mit einer Lippenhantel trainiert: »Das ist eine Art Mundstück, an dem verschieden schwere Hantelscheiben befestigt werden.« Wer keine Lippenhantel hat, könne auch einen Teelöffel nehmen und »den mit dem Kopf nach unten herunterhängend mit den Lippen festhalten«.
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Aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz Ihres Kolumnisten, liebe Leser, sei für Fortgeschrittene die Fitnessübung empfohlen, die Lippen in den Hals einer vollen Milchflasche hineinzustülpen und feste zu saugen. Schon nach wenigen Sekunden können Sie die Milchflasche an den Lippen baumeln lassen wie ein Elefant seinen Rüssel. Anschließend sehen Sie allerdings aus wie Lana Del Rey nach einer gewaltigen Überdosis Botox, daher muss an dieser Stelle der Warnhinweis eingeblendet werden, der bei Wrestling-Sendungen in den USA gesetzlich vorgeschrieben ist: »Don’t try this at home!«
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Bei einem etwas gebräuchlicheren Oster-Zeitvertreib übertreiben nicht wir, sondern die Fußball-Profis, denn sie suchen das, was sie unbedingt brauchen und haben wollen, nicht nur zur Osterzeit. Was? Wir fragen einen Fußballexperten und einschlägig ausgewiesenen Fachmann. Herr Kahn, was brauchen Fußballer? »Eier!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle