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Anstoß (vom 5. April): Pipilotti, der Fußball und die schwarzen Schwäne

Champions League und Bundesliga biegen in die Zielgerade ein, dahinter wartet schon die EM – jetzt schlägt die Stunde der Experten, die Hochsaison derer beginnt, die vorher wissen, wie es kommen wird und gegebenenfalls hinterher wissen, warum es anders gekommen ist.
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Warum nehmen wir sie noch ernst? Obwohl wir doch wissen, dass ihre Trefferquote  nicht größer ist als unsere oder die eines Zufallsgenerators?
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Günter Netzer, Guru und Vorbild aller Experten – außer Franz Beckenbauer, aber der ist kein Experte – konnte in der ARD und kann in Bild am Sonntag nach einem Spiel alle offenen Fragen sachlich, fachlich und logisch scheinbar überzeugend beantworten, auch wenn er vor dem Spiel noch anderes doziert hatte. Wir dagegen vermuteten in dieser Kolumne schon lange, dass oft reiner, unerklärlicher Zufall im Spiel ist.
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Die Chaos-Theorie (Sie wissen doch: Der Hauch des Flügelschlags eines Schmetterlings . . . ) gilt eben auch im Fußball. Nur die Fachleute wollen nichts davon wissen. Obwohl einer ihrer Größten schon vor einem halben Jahrhundert die Chaos-Theorie vorweggenommen hat. Als Beispiel nannte er nicht den Schmetterlingsflügel, sondern den Ball, der rund ist.
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Zufall also. Aber was ist Zufall? Albert Schweitzer: »Das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.« Denn er würfelt nicht, sondern spielt Fußball. Dort oben im Olymp scheint der Gott des Fußballs jedoch ein noch sehr junger, ein kindlicher zu sein. Er spielt mit dem Fußball wie mit Bauklötzen, und wenn er sie umwirft und neu aufstapelt, staunen wir Bauklötze.
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Aber warum glauben wir dennoch wider besseres inneres Wissen, dass der Fußball ein offenes Lehrbuch ist, in dem wir nur lesen beziehungsweise uns von den Netzers vorlesen lassen müssen und dann alles verstehen können? Lange haben wir uns an dieser Frage vergeblich abgearbeitet. Die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist verblüfft uns nun im Zeit-Interview, denn was sie über das Hinterhereinordnen von zufälligen Ereignissen sagt, hat im Interview-Kontext zwar rein gar nichts mit Fußball zu tun, löst aber unser Fußballexperten-Rätsel: »Wir haben immer die Tendenz, im Nachhinein alles logisch zu sehen. Ganz oft regiert der Zufall, aber es ist leichter zu ertragen, wenn wir etwas für logisch halten.«
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Es ist leichter zu ertragen, wenn man den Fußball – und die Welt! – wenigstens hinterher als geordnet, logisch, zwangsläufig und verstehbar einordnen kann. Pipilotti (welch hübscher Künstlerinnen-Vorname!) Rist bezieht sich auch auf das Buch »Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse« von Nicholas Taleb. Dieser, ein Finanzmathematiker, Statistikforscher und Philosoph mit Karl-Popper-Wurzeln, sieht offenbar die ganze Welt als gigantisches Fußballspiel und sagt: Wir ziehen logische Schlüsse aus der Vergangenheit (Netzer!) für die Zukunft und erschaffen uns dadurch die Illusion, die Welt erklärbar machen zu können, obwohl sie chaotisch und unberechenbar ist. Fußball, unser Leben!
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Taleb hat nicht die Netzergurus im Visier, sondern »Börsengurus, die mit ihren Prognosen krass danebenliegen, und Banker, die hilflos mit den Achseln zucken, wenn wirklich etwas Unvorhergesehenes passiert« (Quelle: Wikipedia). Der Titel seines Buches verweist auf die Geschichte, dass die Europäer bis ins 17. Jahrhundert davon überzeugt waren, alle Schwäne seien weiß – bis Australien entdeckt wurde, wo es auch schwarze Schwäne gab. Taleb glaubt, dass die meisten Menschen »schwarze Schwäne« ignorieren, weil es angenehmer sei, die Welt als geordnet und verständlich zu betrachten.
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Das Geheimnis unserer Experten – sie ignorieren des Fußballs »schwarze Schwäne«, weil wir es so wollen? Damit noch einmal zu Franz Beckenbauer. Der, siehe oben (haben Sie gestutzt?), kein »Experte« ist, sondern bisweilen entwaffnend offen zugibt, die schwarzen Schwäne des Fußballs nicht erklären zu können.
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Beckenbauer benötigte zu dieser Erkenntnis weder Pipilotti noch Taleb, sondern als Schlüsselerlebnis ein legendäres Champions-League-Finale. Vor dem Anpfiff prophezeit er, es werde kaum Tore geben, da Milan selten Tore schieße und noch seltener Tore zulasse. Zur Halbzeit führt Mailand mit 3:0, für Beckenbauer ist alles klar, denn noch undenkbarer als diese drei Tore seien jetzt noch drei Gegentore. Liverpool gleicht binnen sechs Minuten aus, Schlusspfiff – und nun zeigt Beckenbauer wahre kaiserliche Größe, denn befragt nach einer Vorab-Analyse der Verlängerung antwortet er: »Ich sag gar nix mehr.« Damit verlor er seinen Expertentitel und gewann einen dicken Sympathiepunkt.
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Wir sollten sie nicht ignorieren, die schwarzen Schwäne. Es gibt sie. Im Fußball sind sie rund. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle