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Dr. Hans-Ulrich Hauschild zum Freiheitsbegriff

Ich kann es nicht lassen, obwohl ich offenkundig wenig zum Zeitgeist und zum Mainstream beizutragen habe. Sie aber auch nicht, und das eint uns – über manche Differenzen (Gutmensch, Moralkeule und mehr) hinaus. Ein Beweis dafür, dass man offenkundig aus verschiedenen Richtungen kommend bei hinreichend gutem Willen und Verstand im richtigen Zentrum gemeinsam ankommt.

Zur Freiheit. Es gibt ohne hinreichende Bindung keine Freiheit, weil, wie Sie richtig schreiben, die schrankenlose Freiheit ohne Anerkennung der Rechte anderer zur Willkür wird. Freiheit definiert sich also, will sie nicht brutaler Subjektivismus und selektierende Lebensbejahung (Nietzsche) sein, als Ausübung persönlicher Rechte und Vorstellungen unter Bedingungen. Diese Bedingung ist die Anerkennung eines Sittengesetzes, ethischer Wertmaßstäbe, die über das jeweilige Weltbild hinausgehen. Anerkennt man diese Wertmaßstäbe nicht, so gibt es das bürgerliche Recht, dem man zwangsweise unterworfen ist, das aber eben sich als am Zeitgeist orientiert zeigt. Hier haben Sie die Differenz zwischen Moral und Recht.

Genau diese nicht am Utilitarismus, an Zeitumstände, sich wandelnden Maßstäben orientierte Bindung an ein abstraktes Sittengesetz (oder an eine hoch ethische Religion) ist uns abhanden gekommen; das ist das, was ich die Schwundstufe des Liberalismus nenne. Ist es die Klage eines alten Mannes wenn ich sage, dass all das, was Sie da beschreiben, einschließlich des Erfolgs der Piraten – Partei, sich eben diesem Ausleben nur noch ganz persönlicher Freiheiten verdankt, die unprogrammatisch, egoistisch und nur sich selbst verpflichtet am Anderen, am öffentlichen Wohl, vorbeigehen, ein Wohl, das der Mehrheit der Selbstsucher vollständig gleichgültig ist? Man preist das als Selbstverwirklichung, eben als Freiheit.

Zu all dem gehören Verstöße gegen ethische Prinzipien in unserer kapitalistischen Wertegemeinschaft ebenso wie Alltagsgleichgültigkeiten im Straßenverkehr, in der Nachbarschaft, bei den Fußballanhängern, in der Politik. Der Nächst zählt nicht, nur das Ego.

Noch einmal zu Hans Jonas – siehe mein letzte oder vorletzte Mail: dieser verantwortungslose Naturbursche Mensch – er hat wenig gelernt in den letzten 2000 Jahren – muss im Interesse aller in seiner Freiheit eingeschränkt werden. Ist das Sozialismus? Nein, dies ist recht eigentlich das, was Gauck meinen sollte, es aber wohl nicht tut, wenn er „Freiheit in Verantwortung“ sagt. Der Mensch kann sich den Menschen nicht mehr leisten. Sie sehen dies sehr schön an den Vorfällen in Emden, wo ein aufgebrachter Mob im Stile des Mittelalters einen soeben medienwirksam abgeführten jungen Menschen fertig gemacht hat. Erfolg moderner Technik, die eben dieser vollständig unaufgeklärte Mensch moralisch nicht beherrscht. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild, Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle