Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 31. März)

Unser Thema heute: Freiheit, die ich meine. Beginnen wir mit der kleinen Freiheit, harmlose Fragen zu stellen. 1. Sechs Tore von Spaniern, und sogar keiner von ihnen spielt für Real oder Barca – was sagt uns das für die EM? 2. Hannover schlug sich tapfer, hätte aber unaufholbar höher verlieren können. Wo bleibt die deutsche Europa-League-Dominanz?
*
Zwei harmlose Fragen, die sich demnächst von selbst beantworten werden. Außerdem haben wir ja den FC Bayern und die Champions League. Und Schweinsteiger im Halbfinale gegen Real. Natüüürlich hat er die Gelbe Karte nicht provoziert! Der Spieler dementiert es mit ernsthaftester Miene, der Trainer mit altväterlicher Empörung. Nur – warum konnte sich Schweinsteiger auf dem Platz das Grinsen nicht verkneifen?
*
Es folgen weniger harmlose Fragen. Wer sie stellt, geht einen schweren Weg über vermintes Gelände und hat Glück, wenn er nur in Fettnäpfchen tritt. Auf geht’s: Momentan diskutiert man in staatstragenden Gremien nicht ob, sondern wie die deutsche Fußballnationalmannschaft Auschwitz besuchen wird. Rückblick: Ältere Leser erinnern sich vielleicht an die US-Fernsehserie »Holocaust« (die übrigens diesen Begriff erst allgemein bekannt gemacht hat). In einem »Anstoß« über »Die Mauer zwischen Sport und Geist« schrieb ich im Februar 1979: »Es dürfte kaum einen Leistungssportler geben, der ›Holocaust‹ gesehen, sich damit auseinandergesetzt, einen Gefühlssturm erlebt hat und sich dennoch unbeeindruckt, ohne Einbußen an Trainings- und Wettkampfkonzentration weiterhin seinem Sport gewidmet hätte.« Und jetzt die Frage: Sollten die deutschen Nationalspieler wirklich während der EM das Vernichtungslager besuchen?
*
Am Donnerstag mühte sich die »Nachdruck«-Kolumne mit der Rassismus-Frage ab. Am Abend des selben Tages gewann Bilbao auf Schalke. Für den Klub aus dem Baskenland darf nur spielen, wer Baske ist oder baskische Vorfahren hat. Das bringt Bilbao viel Respekt ein. Warum eigentlich? Wenn ich als Deutscher (oder Türke, oder Afrikaner) in Bilbao aufwachse, darf ich nicht für den Fußballklub meiner Stadt spielen, weil in meinen Adern kein baskisches Blut fließt – ist das nicht Rassismus in Reinkultur? Und noch kein Antirassismusbeauftragter hat dagegen protestiert.
*
Womöglich noch heikler wird es, wenn man den »Erfolg« der Eintracht-Fans in Berlin in Zusammenhang mit dem Erfolg einer neuen Partei dort und im Saarland sieht. Die Fans nehmen sich die Freiheit, das Stadionverbot auszutricksen, überhaupt wollen sie ihre Freiheit nicht einschränken lassen, auch nicht die Freiheit, gegnerischen Fans gegebenenfalls aufs Maul zu hauen oder ihnen hochgefährliche Böller in den Block zu schmeißen. Die anderen, die sich nicht im und am Stadion, sondern am Computer austoben, verlangen dort ihre totale Freiheit inklusive Recht auf Diebstahl.
*
Trete ich mit einem Fuß in den Fettnapf, mit dem anderen in die … einen »shitstorm« los? Liebe Empörte, denkt bitte daran: Zu eurer Freiheit gehört auch meine des Andersdenkens. Außerdem hab ich gar nichts gegen die PP (außer, dass sie mir auch noch mein bescheidenes geistiges Eigentum klauen will). Selbst gegen den Vorwurf, dass sie kein politisches Programm habe, verteidige ich sie: Haben denn andere Parteien so etwas? Oder nur eine Software, die täglich updated, welche Aussagen zu welchen Themen die meisten Stimmen versprechen? Nur folgerichtig, dass die Altparteien hektisch versuchen, die Stimmen-Software der Piraten raubzukopieren.
*
Friedensangebot auch an die Fans: Bei gewalttätig randalierenden Fußball-Ultras halte ich zwar schnelle und harte Strafen plus knackigen Schadenersatz für entscheidend wichtig, aber nach Jahren des mildherzigen »Du, du!« plötzlich einen Böllerwerfer zu fünf Jahren (also ohne Bewährung) zu verknacken, das stößt zwar auf deutschlandweite mediale Zustimmung, ist aber eine Zumutung, wenn sogar Vergewaltiger und Totschläger glimpflicher davonkommen.
*
Freiheit, die ich meine … Dazu das Lebensmotto von Uli Hoeneß: »Nicht nach oben buckeln und nach unten treten, sondern umgekehrt.« Ich nehme mir die Freiheit, Hoeneß’ Motto abgewandelt zu übernehmen, aber ohne den »Umgekehrt«-Zusatz: Buckeln nach nirgendwo, treten nur den, der tritt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle