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“Nachdruck”: Die Farben des Rassismus (vom 29. März)

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Einige Reizwörter blieben in all den Jahren präsent, zum Beispiel Rassismus, zuletzt durch die Affäre Großkreutz/Asamoah Aber was ist wirklich Rassismus, was alltägliche Bösartigkeit, was nur Brummsdummheit?
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So hing kürzlich am Gießener Stadttheater ein großes Transparent, auf dem trutzig bekannt wurde: »Prädikat besonders ausländerfreundlich.« Welcher Kabarettist bekäme bei dieser nicht zu toppenden Realsatire keine Identitätskrise? Aber von wegen nicht zu toppen! Wer bricht den Realsatire-Rekord? Natürlich die Sportler. Um ein Zeichen gegen den Rechtsradikalismus zu setzen, spielten Frankfurter Eintracht und Borussia Dortmund im Waldstadion fünf Minuten lang ohne Rechtsaußen. Das war so unglaublich gut gemeint, dass niemand laut zu sagen wagte: Spinnen die? Leider hat nicht jeder das Gespür für das Groteske an Stadttheater- oder Waldstadion-Aktion. Daher müsste man nun erklären, warum plakativ-generelle Fremdenfreundlichkeit kaum weniger alarmierend sein kann als dumpfbackige Fremdenfeindlichkeit. Aber die Fettnäpfchen! Um nicht selbst hineinzutreten, schicken wir Amewu Mensah vor, die Achte des olympischen Hochsprungfinales. Die Deutsche aus Afrika (in früher Kindheit von einem weißen Berliner Ehepaar adoptiert) erzählt, dass, wenn sie und ihre Klassenkameraden in der Schule Unsinn gemacht hatten, »die anderen dann eins über die Rübe bekommen haben, nur bei mir hatten die Lehrer Angst, mich zu bestrafen, weil sie dachten, dann kommt meine Mutter und sagt: ›Das haben Sie nur gemacht, weil mein Kind schwarz ist.‹« Mensah nennt diese Art der Rücksichtnahme »positiven Rassismus«. Aber auch der sei eben: Rassismus.  (7.10.2000)
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»Sau« gilt, zu einem Menschen gesagt, als Beleidigung. Eigentlich zu Unrecht, umgekehrt wär’s eher eine (man bedenke nur, was Menschen den Schweinen antun und wie christlich uns die Schweine behandeln, die grundsätzlich beide Backen hinhalten bzw. hinhängen lassen). Bei einem Hellhäutigen würde »weiße Sau« nur als spezifiziertere Beleidigung und nicht als rassistische Äußerung gelten. Warum soll dann »schwarze Sau« Rassismus sein? Black is beautiful! Wer stolz auf seine Hautfarbe ist (was auch ziemlich quatschig ist) oder sich ihrer zumindest nicht schämt (sollte der Normalfall sein), der kann durch die Erwähnung der Farbe seines Teints nicht rassistisch, sondern nur im Zusammenhang mit dem dazugehörigen Hauptwort »Sau« überhaupt beleidigt werden. Wer »schwarze Sau« wegen des Attributs als Rassismus empfindet, für den scheint »schwarz« also ein Makel zu sein. Was auch eine Art Rassismus ist. Als direkt von der Beschimpfung Betroffener hat man allerdings andere Gefühle – das weiß ein Rothaariger sehr genau, der früher (auf gegnerischen Handballplätzen) oft genug als »rote Sau« beschimpft wurde.  (20.10.2001)
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Oberhof. Rodel-Weltcup. Abends in der Disco. Schlägerei zwischen Einheimischen und einem Fremden. Nicht schön, kommt aber vor. Oft. Täglich. Aber der Fremde kommt nicht aus dem Nachbardorf, sondern aus den USA, ist Rodler, ein schwarzer zudem. Und schon haben wir den schönsten Rassismus-Skandal. Es waren 15 Mann, die den Rodler zusammenschlugen. Der wiederum stand anschließend völlig unversehrt von morgens bis abends vor den Kameras und gab Interviews. Niemand bemerkte das Absurde der Situation. Von Oberhof bis Harlem weiß nun alle Welt, dass rechtsradikale Schläger nicht nur arm im Geiste sind, sondern in den Muskeln genauso wenig haben wie im Kopf. (6.11.93)
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»Loddar« ist kein Rassist! »Anstoß«-Leser werden gestutzt haben, als sie in einem Bericht des Sport-Informationsdienstes lasen, Matthäus soll sich »gegenüber einer Damen-Basketballmannschaft abfällig über seinen dunkelhäutigen Klubkollegen Adolfo Valencia geäußert haben«. Denn ein paar Tage zuvor hatten wir im »Anstoß« aus anderem Anlass jene »abfällige« Äußerung abgedruckt: »Unser Schwarzer, der hat sooo einen Langen!« Was ist daran denn bitte »abfällig«? Frohgemut rief er’s den Damen zu, neidisch zwar, dass er selbst nicht mithalten konnte, aber mit dem Stolz des echten Mannschaftssportlers auf die Ehrfurcht gebietenden Kapazitäten in den eigenen Reihen. Und »abfällig« ist diese Eigenschaft ja auch im wahren Wortsinn nicht. (20.10.2001)
 (gw)

Baumhausbeichte - Novelle