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… oder jemand Heribert Bruchhagen entführt …

Liebes Eintracht-Tagebuch, vor ein paar Tagen hat mir ein Bekannter von seinem bevorstehenden neuen Job erzählt. Dass er das alles total spannend fände! Die neue Aufgabe sei spannend, die neuen Kollegen seien spannend, ja selbst seine Bedenken und Zweifel, ob das wirklich das Richtige für ihn sei, seien irgendwie spannend. Und während ich beschloss, ihm unaufgefordert das Buch »Sag es treffender« zu bestellen, in dem man wunderbar nachschlagen kann, wie viele verschiedene Worte es für ein und denselben Begriff gibt, ertappte ich mich dabei, intensiv darüber nachzudenken, was ich eigentlich spannend finde. Und recht schnell wurde mir klar, dass es da zwar jede Menge gibt, ich aber lang nicht alles davon auch gutheiße! Nimmt man es nämlich genau, gibt es eigentlich zwei Sorten von Spannung. Die, die man mag, und die, die man hasst.
Wenn ich zum Beispiel »Dexter« gucke, befinde ich mich in erstgenannter Kategorie. Zu deiner Info: Das ist eine amerikanische Serie, deren extrem sympathische Titelfigur als gewiefter Forensiker in der Blutspurenanalyse für die Polizei von Miami arbeitet. Wobei man kurz anmerken muss, dass er im Nebenberuf ein mindestens genauso akribischer Serienkiller ist, der sich immer gerne diejenigen vorknüpft, die trotz Dreck am Stecken ungerechterweise der Justiz entkommen sind. Natürlich kann man jetzt die Sympathie der Zuschauer für diesen doch recht zwiespältigen Charakter unter rein moralischen Aspekten durchaus ambivalent betrachten, aber wohlig spannend ist es auf jeden Fall!
Ja, und dann gibt es eben auch diese andere Form von Spannung. Zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse. Wenn man es wirklich eilig hat und direkt vor einem diese alte Dame steht, die gerade mit brüchiger Stimme erklärt, dass sie den zu zahlenden Betrag von 34 Euro 74 genau passend habe (»Ihr seid doch hier immer froh über Kleingeld, gell?«). Und dann mehrere Ewigkeiten braucht, um in den unendlichen Tiefen ihrer Geldbörse nach den passenden Münzen zu graben, während hinter ihr Menschen spontan eine Glaubensgemeinschaft bilden und kollektiv dafür beten, dass sie diese letzten zwei Cent bitte auch noch findet! Was aber nie so ist, sondern damit endet, dass sie der Kassiererin das bereits übergebene Geld wieder abnimmt, um doch mit der EC-Karte zu bezahlen (»Oh, jetzt weiß ich grad de PIN-Code net mehr. Warte se ma, ich ruf ma kurz meine Tochter an, die weiß des … Ach Mist, da ist besetzt…!«).
Wobei es in Sachen »unangenehmer Spannung« natürlich durchaus noch Steigerungen gibt. Wenn man zum Beispiel eine Darmspiegelung machen lässt, und der Proktologe mit diesem riesigen Instrument von Raab-Karcher hinter dir auftaucht, um es dir langsam …egal … lassen wir das.
Im Fußball ist das mit unterschiedlichen Spannungsempfinden ähnlich. Nehmen wir zum Beispiel das Champions-League-Finale 2005 zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool, das die Engländer nach 0:3-Rückstand noch drehten und per Elfmeterschießen letztendlich für sich entschieden! Als Fußball-Fan genoss ich den Unterhaltungswert dieses Dramas! Was aber vor allem damit zu tun hatte, dass es sich bei keinem der Teams um »meines« handelte.
Das ist so, wie wenn man im Schlussverkauf zwei wildfremden Frauen dabei zuschaut, wie sie sich um eine hässliche aber billige Kunstlederjacke prügeln. Solange nicht die eigene Mutter bei so was mitmischt, findet man es super! Den Mailand- und Liverpool-Fans hingegen dürfte es seinerzeit definitiv viel zu viel Spannung gewesen sein! Weil es eben jeweils um den Verein ihrer Herzen ging!
Und das Gefühl kenne ich auch. Nehmen wir zum Beispiel den in dieser Saison geführten Fünfkampf um die Aufstiegsplätze. Objektiv betrachtet mag er ja interessant anmuten, aber mich hat er genervt wie die Sau! Wäre es nach mir gegangen, dann hätte die Eintracht schon zu Beginn der Rückrunde vorzeitig als Zweitligameister festgestanden! Vor Fürth und Paderborn! Während Düsseldorf mit ihrem Haufen charakterlosem Fallobst weiter 2. Liga spielen müsste … für immer! Aber stattdessen gab es ein ständiges, unangenehmes Hin und Her an der Tabellenspitze, das mir viele schlaflose Nächte bereitet hat.
Ja, Tagebuch, ich weiß, was du mir jetzt entgegnen möchtest. Dass sich mit dem Sieg in Berlin und dem Vorsprung von fünf Punkten auf Platz drei die Lage langsam entspannt. Und dass ich mich jetzt doch nicht mehr so verrückt machen soll. Weiß ich ja! Ich bin ja auch schon viel ruhiger als sonst! Nur … was ist, wenn die Eintracht ihr Spiel zu Hause gegen Bochum plötzlich verliert, während Düsseldorf auswärts gewinnt? Oder wenn Alex Meier, Pirmin Schwegler, Erwin Hoffer, Benjamin Köhler, Sebastian Rode und Oka Nikolov beim Training so unglücklich zusammenprallen, dass alle für den Rest der Saison ausfallen? Oder jemand den Schlüssel zum Frankfurter Stadion klaut, deswegen niemand mehr reinkommt und so alle Punkte an die Gastmannschaften gehen? Oder jemand Heribert Bruchhagen entführt und als Lösegeld unser Torverhältnis überschrieben haben will? Siehst du, da ist noch gar nix entschieden! Und du sagst mir, ich soll mich entspannen…! In diesem Sinne. Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle