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Montag, 26. März, 18.30 Uhr.

Aus dem Leben eines Sportredakteurs: Erst stand’s im “Spiegel”, dann in “Bild”, morgen dann in Tageszeitungen wie den unsrigen, denn der Sport-Informationsdienst (sid) hat nachgezogen: Belgiens Radidol Eddy Merckx hat viele seiner Siege offenbar mit einem lebensbedrohlichen Herzfehler errungen. Im “Spiegel” nachgelesen: Die Meldung basiert auf einem Kurz-Interview mit einem Buch-Autor, der den Fakt von einem italienischen Arzt gehört haben will, der nicht einmal Merckx’ Arzt war, sondern beim Giro 1968 den Herzfehler (zu dicke Herzwände) entdeckt haben will. Da denkt man natürlich gleich auch an Gerald Asamoah, für den in jedem Spiel ein Defibrillator mitgeführt werden muss, man denkt an die vielen unerklärlichen Herz-Toten und (gerade aktuell) Fast-Toten, man denkt, der Autor mache vor allem PR für sein Buch, man wundert sich, dass “Spiegel”, “Bild” und “sid” die obskure Sache ohne größere eigene Recherchen einfach übernehmen, man denkt, als guter Journalist müsste man das alles einmal aufdröseln und zeitaufwendig recherchieren, was denn nun wirklich Sache sei, ein Statement von Merckx wäre dazu unerlässlich – aber das kriegt unsereiner natürlich nicht, so viel Zeit hat unsereiner nicht, die Meldung unter den Tisch fallen lassen kann unsereiner nicht (sonst protestieren die Leser: Warum habt ihr das nicht!?), und was macht unsereiner also? Er reiht sich ein in die Kollegenschar, übernimmt die “dpa”-Meldung, sie wird morgen im Blatt stehen, mit einem kleinen Feigenblatt an journalistischer Ehre: Überschrift mit Fragezeichen, und aus dem “offenbar” ein “womöglich” gemacht.

Baumhausbeichte - Novelle