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Sonntag, 25. März, 6.15 Uhr.

Auf der Uhr erst 5.15. Das Stündchen locker in der Nacht verbuddelt. Einziger Unterschied: Draußen noch dunkel. Drinnen nur Kännchen (Kaffee, gleich). Fängt ja gut an.

Nach dem letzten Sonntag auf der Fahrt von und zur Redaktion in Heuchelheim ein paarmal über eine moderne Skulptur gerätselt: Eleganter Zylinder aus Metall und Glas, übermannshoch, mindestens einen Kopf größer als Nowitzki. Dann machte es klick, und gleichzeitig wurde klar, woher letzten Sonntagmorgen der Blitz kam: stationäre Knöllchenverteilungsanlage. Heute morgen extra mit Tacho knapp über 60 dran vorbeigefahren, um das Ding zu testen: kein Blitz. Womöglich ist der Zylinder noch in der Erprobungsphase, und ich war der erste Probegeblitzte. Da ich mit Tempo 200 vorbeigerauscht bin, und das sonntagmorgens um sechs, suchen sie jetzt noch den Fehler. Knöllchen hab ich jedenfalls noch keines.

Im Radio singt Amy W. (den Nachnamen krieg ich jetzt nicht unfallfrei hin) “Our Day will come”. Schon schnurrt überflüssiges Wissen durch die alten Gehirnwindungen: uraltes Lied von “Ruby and the Romantics”, damals gehört auf AFN Frankfurt, abends um halb elf, schon unter der Bettdecke, die US-Hitparade, ungefähr zu der Zeit, als – Sensation der Sensationen – fünf Beatles-Songs die ersten fünf Plätze belegten. Dieses blöde überflüssige Wissen, das die Aufnahmefähigkeit für neues, nützliches Wissen beschränkt: Ich könnte mindestens zwei Stunden lang die blödsinnigsten Schlagertexte aufsagen. Mal aus dem Stegreif ein Beispiel: Johnny komm Johnny komm und erzähl mir was / Aber bitte bitte was von der Liebe / Johnny dies oder das oder irgendwas aber bitte bitte was von dem Glück / Johnny oh Johnny ho Johnny sei nicht so / Denk einmal an uns zwei /Ich hör von dir so viele Worte / Von Liebe ist nie was dabei / Immer wieder sagst du mir, wie’s beim Fußball war / Warum es da den Elfmeter gab / Das ist doch sonnenklar / Ich weiß es ganz genau, im Strafraum, da, da machte einer Hand / Doch ich finde für uns beide wär noch was andres intressant / Johnny … gesungen von “Suzy”, ohne Nachname, ihr einziger Hit. Wenn ich das Zeug aus dem Kopf bekäme, würde vielleicht endlich der neugriechische Aorist reinpassen.

Wichigste Meldungen der Nacht von dpa: Santorin … nee, wie heißt der? Santorum? … gewinnt haushoch in Louisiana. Der oder Romney, Mormone oder noch mehr Fundi, die Qual der Wahl. Außerdem: “Streit über die Lizenz zum Töten von Tauben.” So weit sind wir also schon! Bin zum Glück nur schwerhörig.

Stegreif-Gag. Vielleicht steck ich ihn in die Montagsthemen. Dort soll auch “Verantwortung übernommen” werden, mit Hiroshima. Und Jacko Gill nicht vergessen, das erste bedenkliche Zeichen. Und nicht vergessen, am Schluss die  Leser zu fragen, ob sie auch die Zeit umgestellt haben. Oder doch wieder nur die Uhr, weil’s mit der Zeit selbst für Einstein zu schwierig war.

Nachtrag 10.45 Uhr:

Regenpause in Malaysia. Kein Montagsthema. Die Kolumne ist geschrieben, kommt aber erst nachmittags online, muss zuvor noch die häusliche Kontrolle passieren (weil: vielleicht ein bisschen zu unpassend albern). Danke übrigens für schöne/nette/bemerkenswerte Mails. In den nächsten Tagen wird ein neuer Link (heißt das so, im eigenen Blog?) eingebaut für die Mailbox, da kommt dann gleich eine schöne Auswahl rein, mit voller Bandbreite.

Nachtrag 14.30 Uhr:

Häusliche Kontrolle unbeanstandet passiert, Text steht jetzt online. Sogar “Ohne weitere Worte”-Kolumne schon vorbereitet. Nicht mit reingenommen diese Aussage von Andre Heller im SZ-Magazin über seine Zeit im Internat: “Ich bin in einer unglaublichen Körpertabuisierung aufgewachsen. Unserem Frühstückskakao wurde gelegentlich Brom beigegeben, um unsere Geschlechtslust herabzusenken. Trotzdem haben viele Buben sich ein Vergnügen daraus gemacht, im Winter nachts  auf den glühenden Kanonenofen im Schlafsaal zu onanieren. Das hat gezischt und gestunken.” Im Blatt hätte das, igittigitt wie eklig, Ärger mit der liebsten Zielgruppe gegeben. Jetzt noch ein paar Routinearbeiten, dann als Lebensabschnitts-BVB-Fan volle Konzentration auf das Spiel in Köln. Wer Meister werden will, muss bei diesem kriselnden und selbst ohne Krise ziemlich schwachen Gegner gewinnen. Wenn nur dieser Poldi nicht wäre . . .

Ach ja: Brom? Bei uns, auf Klassen- und Jugendsportreisen, hieß das Hängolin. Und Kanonenöfen gab’s erst gar nicht.

Baumhausbeichte - Novelle