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Sport-Stammtisch (vom 24. März)

Zwei junge Wilde werden alt. Geburtstage der Woche: Armin Hary 75, André Heller 65. In Ergänzung der offiziellen Festschriften zu Harys Jubeltag: In seinem späteren Lebens-Lauf bekam der erste 10,0-Sprinter Probleme mit der Justiz, weil er als Immobilienmakler dubioser Verbindungen zur Erzdiözese München verdächtigt wurde, so dass es bei deren Chef, heute Chef aller Katholiken, zu einer Razzia bei Ratzinger kam. Ansonsten bleibt Armin Hary (plus Heinz Fütterer, plus Manfred Germar, plus Martin Lauer) der lebende Beweis, dass es für die aktuellen weißen deutschen Sprinter keine Doping-Ausreden gibt, wenn sie den Schwarzen hinterherlaufen.
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Zu Hellers Vita gehört auch seine WM-Eröffnungsfeier 2006, die groß angekündigt und vorgefeiert, aber schließlich abgesagt wurde, was Heller und die Kunstszene empörte. Verständlich, wenn man nur an diesen geplanten Programmpunkt denkt, den Sie sich bitte jetzt einmal bildlich vorstellen: Sämtliche lebenden Friedensnobelpreisträger treten auf. Sie haben Wasser aus ihrer Heimat mitgebracht. Das lässt einen Geysir aufbrechen, der schleudert eine Kugel von sieben Meter Umfang in die Höhe, die nicht Reiner Calmund, sondern einen Globus symbolisiert, der unsichtbare Propeller hat und im Stadion kreist, sich in einen Fußball verwandelt, der durchsichtig wird, so dass in seinem Inneren der WM-Pokal zu sehen ist, der so hell leuchtet, »dass jeder die Augen hätte schließen müssen« (Heller). Dagegen wären Speers Lichtdome in Nürnberg trübe Funzeln gewesen!
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Über trübe Funzeln und Hellers grelle Erleuchtung zu Kevin Großkreutz und der Pyromanie in Bundesliga-Stadien: Was das schlichte BVB-Gemüt dem altbösen Feind aus Schalke auch an den Kopf geworfen haben mag, sollte bitte nicht, weil Gerald Asamoah zufälligerweise schwarz ist, zum Rassismus hochempört werden, sondern das bleiben, was es ist: bloße Brummsdummheit. Nachdenkenswerter dagegen, wie man mit solchen Fan-Feindschaften umgeht wie der zwischen Dortmund und Schalke. Für die Profis und den amüsierten Zuschauer sind es spielerische Rituale (»Lüdenscheid«), die niemand wirklich ernst nimmt. Wenn nun aber Typen wie Großkreutz den ironiefreien echten Hass aggressiver Fans auch noch befeuern, wenn dann noch die klammheimlichen Verständnisbekundungen mancher Vereinsverantwortlichen für ihre Ultras hinzukommen und das Zulassen des Abbrennens von tausend Grad heißem Feuerwerk inmitten von Menschenmassen sogar ernsthaft diskutiert wird, sind das alles Symptome einer gefährlichen Entwicklung, die böse enden kann.
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Mittlerweile soll es ja immer mehr Fans geben, die das alte Bonmot des schottischen Trainers Bill Shankley nicht belächeln, sondern als gültige Beschreibung ihres Lebensgefühls bejahen: »Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!«
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Eigentlich wollte ich jetzt über den Verlust von bürgerlichen Wertvorstellungen schreiben, die zu seltsamen neuen Ansprüchen auf Ausübung von Gewalt (gegen andere Fans) oder Legalisierung von Diebstahl (Urheberrecht) führen, doch dann müsste ich sogar die Nazi-Keule schwingen (der Nationalsozialismus erstarkte, als die Mittelschicht verarmte und zusammenschmolz, während gleichzeitig die Unterschicht stark zunahm), und ich bekäme von allen Seiten Prügel. Da ich kein Masochist bin, lass ich’s also und nehme lieber nur den Fußball gebührend ernst: Schluss mit dieser Praxis des Elfmeterschießens! Das ist zwar spannend, aber ziemlich unsportlich, da reine Glückssache. Wenn schon Elfmeterschießen, dann nach dem Motto, das früher auf dem Bolzplatz galt: Drei Ecken – Elfmeter!
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Testen wir’s mal beim Spiel in Mönchengladbach. Eckenverhältnis 8:10, also zwei Elfer für Gladbach, drei für die Bayern. So lief es: 0:1 Alaba, 1:1 Daems, 1:2 Ribery, 2:2 Hermann … und jetzt der dritte und letzte Elfmeter … 2:3 Lahm. Na ja, ändern tut sich ja nicht viel. Nur der arme Dante hätte nicht mehr über das Tor schießen müssen. Aber bei einem Eckenverhältnis von, sagen wir mal, 9:3, das ja auch Spielanteile und Überlegenheit widerspiegelt, wäre die Bolzplatz-Regel eine sehr sportliche.
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So, ein anderes Thema hat mir gestern der liebe Kollege »mi« vor- und -weggenommen: die Überschätzung des Trainers Fink, den Vorschusslorbeeren aus Basel und smartes Auftreten medial schon zum Übertrainer gemacht hatten. Ich beschränke mich daher auf einen anderen Trainer, der ganz gewiss nicht überschätzt wird. Allerdings hätte Lauterns Vorstandsboss Kuntz die entscheidende Referenz von Balakow nicht schon bei der Vorstellung laut aussprechen sollen: Der neue Trainer war angesichts der FCK-Finanzen der billigste, den der Markt hergegeben hat.
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Nicht der billigste, aber der bulligste Derzeit-Fürther heißt Gerald Asamoah. Ihm und seinem Trainer Büskens (ziemlich alberner Fehlgriff, der Torwartwechsel) und vor allem den unglücklichen Fürther Spielern ist jetzt zumindest zu gönnen, dass sie ihren Nimbus der Unaufsteigbarkeit verlieren. Verdient hätten sie’s jedenfalls, muss ja nicht unbedingt auf Kosten der Eintracht gehen.
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Der ziemlich »deutsch« auf dem Platz ackernde Asamoah entzieht sich allem Gutmensch-Getue und hat, wie er leibt, lebt und lacht, allein durch sein Da-Sein und So-Sein mehr für die Integration getan als alle beflissenen Sonntagsredner zusammen. Und dass er auch ein Junge aus dem Leben ist, bewies einst sein Rat an die kleine Schwester: »Pass auf, alle Männer sind Schweine. Die sind so wie ich.«
Aber nicht so wie: (gw)

Baumhausbeichte - Novelle