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Nach-Lese (vom 24. März 2012): Der Sport und das Wort. Erinnerungen an und von Matthias Beltz

Mitte März 2002: Eine verheißungsvolle Serie ist perfekt: Ein vierwöchiges Fußball-WM-Duett mit Matthias Beltz und Roland Koch, exklusiv im »Anstoß« unseres Sportteils. Der Kabarettist und Ex-Sponti im täglichen Dialog mit dem konservativen Hessischen Ministerpräsidenten, von mir organisiert und moderiert. Die Zusage aus der Hessischen Staatskanzlei liegt bereits vor, die Detailplanungen – persönliches Treffen mit Fototermin, Terminabsprachen für tägliche Telefonkonferenzen usw. – haben begonnen. Das wird ein echter journalistischer Coup! Koch, Beltz und »gw« freuen sich auf diese ungewöhnliche Zusammenarbeit.
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Mittwoch, 27. März 2002: Im Frankfurter »Tigerpalast« wartet man vergeblich auf den Conferencier des Abends. Matthias Beltz ist tot. Das Herz. Gestorben in seiner Wohnung in Sachsenhausen, wahrscheinlich kurz vor dem geplanten Aufbruch zum »Tigerpalast«. Dass am selben Tag ein ganz Großer Hollywoods stirbt, könnte der bekennende Hesse Beltz – wenn schon sterben, dann mit Billy Wilder! – durchaus als Ironie des Schicksals beschmunzeln.
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In diesen Tagen erinnern Zeitungen, Radio und Fernsehen an den vor zehn Jahren verstorbenen großen hessischen Kabarettisten. Im Vordergrund steht dabei der Matthias Beltz, den alle kannten: der scharfzüngige und scharfsinnige, literarisch, philosophisch und politisch hochgebildete und dem bisweilen extrem bösartigen Witz sehr zugeneigte Wort-Künstler. Berühmt-berüchtigt sein Vorschlag, den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, den ein Briefbombenattentat die Hand gekostet hatte, in einen Second-Hand-Shop zu schicken – schwarzer Humor treibt nun mal mit Entsetzen Scherz, ist aber nicht jedermanns Sache.
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Dreizehn Jahre lang wirkte Matthias Beltz an unserem Sportteil mit, solo und in Gesprächsrunden. Immer liebenswürdig und zu allen albernen Schandtaten bereit – zum Beispiel bei Olympia 2000 in Sydney, als wir in einer Mini-Interview-Serie sein Konterfei auf den Kopf stellten, weil: »down under« eben. Legendär unsere »Jahresendzeitkolumnen«, in denen Beltz und der Schriftsteller Matthias Altenburg (»Jan Seghers«) zu großer Form aufliefen, dass es mich als Moderator vor Lachen und Bangigkeit schüttelte: Wie präsentier ich’s bloß unseren Lesern?
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Wie kam es, dass der große Matthias Beltz so viele Jahre lang und stets ohne auch nur einen Pfennig Honorar so viel Zeit für unsere regionale Tageszeitung opferte? Weil es eben »seine« Heimatzeitung war, und vielleicht auch, es mag jetzt bitte nicht anmaßend klingen, weil er in mir einen späten Gleichgesinnten sah, der als Kind und Jugendlicher ähnliche Probleme mit sich und der Welt hatte.
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»Ich habe mich auch nicht besser gefühlt als andere, sondern eher … blöder. Der ganze Zorn kam auch daher, dass es mit den Mädels nicht so richtig geklappt hat. Und der Traum war eigentlich nicht großrevolutionär, sondern eine tolle Frau zu haben und eine Familie zu gründen.«
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Ich habe in Matthias Beltz immer den kleinen Gießener Jungen gesehen, auf den die Welt einstürzte. Um von ihr nicht erdrückt zu werden, wehrte er sich in seiner existenziellen Not mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Andere erkämpfen sich ihren Platz in der Welt mit Hilfe von privilegierter Geburt, Reichtum, Ellbogen, haben »Schlag« bei den Mädchen oder Anführer-Mentalität oder auch nur den Sport – Matthias Beltz hatte das Wort. Der Witz als Notwehr. Das machte den Witz zur scharfen Waffe, und das Bewusstsein, dass wir alle nur in Notwehr leben, machte Beltz milde und menschenfreundlich.
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»Das erste Schlüsselerlebnis war, dass ich unsportlich war und deswegen bestimmte Probleme hatte, mit der Gesellschaft klarzukommen.« Sport war für ihn Traum und Trauma: »Meine Generation ist auf Lehrer getroffen, die nur ein Thema hatten: den Krieg und ihr Soldatsein. Diese pädagogisch unterentwickelten Studienräte wurden auf uns losgelassen und haben unsere Generation zerstört und sind verantwortlich für all die Schandtaten, die wir angerichtet haben, wir zwischen 1940 und 1950 Geborenen: Wir haben als 68er die Familie zerstört, den Respekt vorm Alter und die Disziplin kaputt gemacht, und andererseits stellen wir als Nicht-Rebellen die langweiligsten und unfähigsten Politiker und Wirtschaftsführer, die je auf deutschem Boden das Vaterland in den Ruin führten. All dieses Elend ist ein Produkt der Lehrer und besonders der damaligen Sportlehrer. Denn die versuchten immer, die Schlacht von Stalingrad in der Turnhalle doch noch zu gewinnen.« Dennoch blieb Matthias Beltz zeitlebens ein großer Freund und Kenner des Sports. So war Fritz Walter »ein Held meiner Jugend, und eines der größten Erlebnisse, das ich in meinem Dasein hatte, war, dass ich ihm einmal die Hand geben durfte und wir uns gegenseitig vorgestellt haben. Das ist schon etwas, da hat man gelebt, und da lohnt es sich wenigstens.«
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Schon bei der ersten persönlichen Begegnung im Herbst 1989 beeindruckte mich ein Wesenszug dieses auf der Bühne so bissig, aggressiv, ja auch verletzend (aber nur gegen die Mächtigen!) daher kommenden Kabarettisten: Matthias Beltz war privat ein außergewöhnlich freundlicher, liebenswürdiger, zurückhaltender und bescheidener Mensch. Als ich ihm meine Nervosität vor dem Interview mit ihm gestand, »gestand« auch er, sehr nervös gewesen zu sein. Geglaubt hab ich’s nicht, aber mir und dem Gespräch hat’s gutgetan.
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Statt letzter Worte eine Erinnerung an diese erste Begegnung, die wir mit dem Austausch unserer Lieblings-Kalauer beendeten. Mein »Warum bleibt in London der Schnee nie liegen? – Weil dort der große Tower steht« konterte Beltz mit einer Doublette: »Was ist die Gemeinsamkeit von Hunden und Zwiebeln? Hunde belln und Zwie . . . beln« und mit dem unvergesslichen Telefon-Dialog »Hier Beltz« – »Ei dann duhn se doch ema de Hund weg!«
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In seinem 1995 erschienenen Buch »Schlammbeißers Weltgefühl – Von der Aufdringlichkeit der Gegenwart« gab Matthias Beltz Einblicke in seine Kinder- und Jugendjahre in Gießen. Wer es nicht kennt, kennt Beltz nicht (bei Amazon gibt es noch einige gebrauchte Exemplare).
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»Um die Welt kennen zu lernen, ging ich 1964 nach Marburg und 1966 nach Frankfurt am Main. Das sieht so aus, als hätte ich es bloß zum Wanderer zwischen zwei Flüssen, Lahn und Main, gebracht. Na und?«
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»Mein Ideal ist der Weltbürger in lokalpatriotischer Absicht.«
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Matthias Beltz liegt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben, an einem friedlichen, stimmungsvollen Ort, unter hohen Bäumen und ganz in der Nähe von Adorno. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle