Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 17. März)

Wenn die Bayern ins Rollen kommen, kann sie niemand stoppen. Siehe Basel (Rückspiel). Wenn die Bayern nicht ins Rollen kommen, kann sie jeder stoppen. Siehe Basel (Hinspiel). Nur: Wie kommt man ins Rollen? Schade, dass Günter Netzer nicht mehr dellingt. Nur er konnte (hinterher) erklären, wie der Fußball funktioniert, und nur ihm glaubten wir, dass eins und eins drei ist.
*
Hinterher ist aber nicht jeder klüger. Vor allem nicht in der Ungnade des frühen Redaktionsschlusses. Am Dienstag feiern die Bayern ihre Sieben-Tore-Gaudi, am Mittwoch prangt auf »Sport-Bild« die Schlagzeile »Was wird aus Bayern«, und im Blatt liest man: »Muss Löw auf den Dortmund-Block setzen?«
*
Tja. Und wie stoppt man Messi? Nicht wie Leverkusen, sondern wie Augsburg den Mini-Messi Kagawa. Mit altvorderer Manndeckung. Oder? Oder hätte ein manngedeckter Messi gegen Bayer nicht fünf, sondern zehnmal eingenetzt?
*
Statt mich im labyrinthischen Mysterium Fußball zu verirren, halte ich mich lieber an simple Fakten und behaupte daher zu wissen, wie man Barcelona stoppt und Real gleich mit. Beziehungsweise, dass sie schon längst gestoppt sein müssten. Wir dürften jedenfalls nicht mehr »mitspielen«, wenn wir beim Finanzamt ähnliche Steuerschulden hätten wie die spanischen Liga-Klubs: 752 Millionen Euro.
*
Zynikers Einwand: Mit so hohen Steuerschulden darf man immer mitspielen. Die Rote Karte gibt’s nur in der Tausender-Liga.
*
Einst bekam Rudi Altig von der ARD die Rote Karte, weil er als Tour-Kommentator über das Thema Doping gestolpert war. Über die deutsche Sprache stolperte Rudi zwar auch, denn er ging mit ihr so rabiat um wie mit seinen Gegnern im Massenspurt: Mal hier ein Schlenker im Satzbau, mal da ein Stoß mit dem Ellbogen gegen die Grammatik, zwischendurch Sätze von edelster Einfalt und schrillstem Nonsens – aber am Ende gewann Altig meist um mehr als Reifenbreite, zumindest im Unterhaltungswert. Was keine Häme, sondern eine Eloge ist. Morgen wird Rudi Altig 75. Herzlichen Glückwunsch!
*

Als sportbegeisterter Jugendlicher habe ich ihn einmal in natura gesehen, den Riesensportler Rudi, nach einem Rennen in Gießen. Prägender Eindruck: Mensch, ist der klein! Anfang der sechziger Jahre war es, im Frühjahr, also zu der Zeit, in der die Zeitungen damals langsam auf ihren winterlichen Bleisatz-Lückenfüller verzichteten: »Helft den hungernden Vögeln!« Fand ich sowieso nicht gut. Dachte: Gebt ihnen lieber was zu essen!
*
Sorry. Gibt’s dafür Gegenwind von Lesern? Bitte nicht. Vor nichts habe ich in der beginnenden Seniorenradsaison mehr Angst. Mehr noch als vor diesen vermaledeiten versteckten Steigungen, die man als Autofahrer überhaupt nicht als Steigung wahrnimmt und die mich kilometerlang quälen können. Aber der Gegenwind ist noch viel schlimmer, weil auch viel häufiger. Denn bei Gegenwind kommt man langsamer voran, braucht also mehr Zeit, um an sein Ziel zu kommen. Im Laufe eines Radfahrerlebens hat man daher viel mehr Zeit im Sattel bei Gegen- als bei Rückenwind verbracht.
*
In der Leichtathletik, deren olympische Saison langsam beginnt, spielt der Wind immer eine Rolle, selbst wenn er nicht weht – Diskuswerfer sprechen dann von schlechten Windverhältnissen. Da nicht Rückenwind dem Diskuswerfer entgegen kommt, sondern Gegenwind, wirft man pro Windmeter ungefähr soviel weiter wie ein Sprinter bei Rückenwind schneller ist – einen Meter bzw. eine Zehntelsekunde. Als offenes Geheimnis gilt übrigens, dass bei Bob Beamons phänomenalen 8,90 m von Mexiko 1968 den Kampfrichtern Freudentränen in die Augen stiegen, so dass sie nur die gerade noch erlaubten 2,0 ablesen konnten und nicht den wahren Windwert, der den Jahrhundert-Weltrekord verblasen hätte.
*
Oh, ich muss ja weg! Nicht wie Otto Rehhagel, der . . . ach ja, Rehhagel: Wie wird er heute wohl die Bayern stoppen wollen? Wie Basel im Hinspiel? Wie Augsburg den BVB? Oder geht’s ihm wie Basel im Rückspiel und Leverkusen in Barcelona? Und macht Dortmund oder vielmehr Bremen die Meisterschaft wieder spannend? Ich weiß es. Leider erst morgen.
*
Aber jetzt muss ich wirklich weg. Nicht wie Rehhagel, der den Berliner Journalisten verkündete, dass »der Außenminister meine Frau Beate und mich zum Abendessen eingeladen hat«, auch nicht wie Wulff (»Ich muss gleich zum Emir«), nein, eher wie einst Gernot Rohr, an den Eintracht-Fans nicht die besten Erinnerungen haben. Als ihm meine Kollegen bei einer Pressekonferenz noch einige Fragen stellen wollten, teilte Eintracht-Pressesprecherin Katja Kraus (bevor sie zum HSV ging und dort Vorstandsfrau wurde) bedauernd mit: »Der Manager möchte jetzt keine Fragen beantworten. Er hat französische Gäste, um die er sich kümmern muss.«
*
Und falls Sie, liebe Leser, noch Fragen haben, ob zu Bayern, Rudi Altig oder gar zu den hungernden Vögeln: Leider kann ich jetzt keine Fragen mehr beantworten. Ich habe oberhessische Gäste, um die ich mich kümmern muss. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle